Anders als die Türkei produziert Indien vor allem für den eigenen Markt, sucht aber gezielt internationales Know-how. Eine aktuelle Untersuchung der Beratung Munich Strategy zählt das Land inzwischen zu den attraktivsten Wachstums- und Produktionsstandorten weltweit für europäische Maschinen- und Anlagenbauer, auch im Rahmen von China-plus-eins-Strategien zur breiteren Streuung der Beschaffung. Die JMC-Studie empfiehlt der europäischen Gießereibranche eine Kooperationsstrategie mit Indien, die europäisches Know-how mit lokaler Kosteneffizienz verbindet.
Nearshoring hat zwei Gesichter
Wie schnell ein Land ohne lange Gießereitradition zum ernstzunehmenden Standort werden kann, zeigt Marokko. Der chinesische Räderkonzern CITIC Dicastal fertigt in der Atlantic Free Zone bei Kenitra inzwischen bis zu sechs Millionen Aluminiumräder, gegossen im Niederdruckguss, dem klassischen Verfahren der Felgenfertigung. Dazu kommen noch weitere Gussteile. Das Weltwirtschaftsforum zeichnete den Standort Anfang 2025 als erste „Lighthouse Factory" Afrikas aus, eine Anerkennung für besonders weitgehend digitalisierte Fabriken.
Der südkoreanische Hersteller Hands Corporation betreibt in Tanger ein weiteres Räderwerk mit einer Kapazität von acht Millionen Stück, während Stellantis seine Fahrzeugproduktion in Kenitra auf 535.000 Einheiten pro Jahr mehr als verdoppeln will. Hochdruckguss im engeren Sinn gibt es in Marokko laut JMC-Studie dagegen bislang nicht, wenngleich die Publikation das Land als möglichen ergänzenden Standort sieht.
Megacasting in Vietnam
Noch jünger ist der Aufstieg Vietnams, der sich mitten im Kerngeschäft der Druckgussbranche abspielt. Der koreanische Zulieferer Seojin System hat dort zwei Megacasting-Druckgusszellen des Schweizer Maschinenbauers Bühler mit je 92.000 Kilonewton Schließkraft in Betrieb genommen, die ersten Anlagen dieser Größenordnung in Südostasien. Jede Maschine kann pro Jahr bis zu 200.000 große Strukturbauteile für Elektrofahrzeuge gießen, etwa Batterieträger und hintere Unterböden.
Das Gegenbeispiel zu Marokko und Vietnam liefert derzeit ausgerechnet der bisherige Nearshoring-Star Mexiko. Denn dort verteuert die US-Zollpolitik die Exporte, während die OECD für 2026 eine nur leicht wachsende Wirtschaft erwartet. Auch die aktuell stattfindenden Verhandlungen über das Handelsabkommen USMCA dürften die Lage nicht vereinfachen. Somit bleibt Nearshoring zwar ein starker Trend, jedoch auch politisch verwundbar.
Ankommen ist schwerer als Ankündigen
Einige der vermeintlich neuen Standorte prägen weiterhin chinesische Konzerne. Hinter den marokkanischen Räderwerken steht mit CITIC Dicastal ein chinesischer Konzern mit staatlichem Ursprung, während in Osteuropa Unternehmen wie BYD oder Minth eigene Kapazitäten aufbauen. Wer daraus eine unaufhaltsame Expansion ableitet, sollte jedoch die jüngsten Meldungen lesen. So hat BYD den Serienstart seines ersten europäischen Pkw-Werks im ungarischen Szeged mehrfach verschoben, zuletzt auf das vierte Quartal 2026, obwohl ursprünglich Ende 2025 angekündigt war. Das parallel geplante Werk in der Türkei liegt ohne Zeitplan auf Eis, und auch Chery musste den Produktionsstart im spanischen Barcelona wiederholt korrigieren.
Beide Fälle betreffen Fahrzeugwerke und keine Gießereien, doch sie zeigen exemplarisch, wie schwer sich selbst die schnellsten Herausforderer der Welt mit dem Aufbau industrieller Wertschöpfung in Europa tun. Die Ende 2024 von der EU erhobenen Ausgleichszölle auf chinesische Autos wirken dabei anders, als viele erwartet hatten. Sie halten chinesische Hersteller nicht fern, sondern bewegen sie dazu, innerhalb Europas zu produzieren, mit hiesigen Zulieferern, Fachkräften und Genehmigungsverfahren. Das relativiert manche Untergangsprognose und erinnert daran, dass Standortkompetenz, eingespielte Zulieferketten und erfahrene Fachkräfte weiterhin echte Wettbewerbsvorteile bleiben.
Europas Karten sind besser als seine Stimmung
Für die europäische Druckgussindustrie gibt es sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht. Einerseits ist die Zeit vorbei, in der sich die Branche nur mit China vergleichen musste, da die zweite Reihe längst in relevanten Größenordnungen und zunehmend auf einem technisch hohen Niveau produziert. Andererseits steckt in fast jedem dieser Aufstiege der zweiten Reihe europäische Technologie. Von den Schweizer Megacasting-Zellen in Vietnam bis zu den Maschinen, Werkzeugen und Prozesslösungen, die westeuropäische Ausrüster in die Türkei, nach Indien und Nordafrika liefern. Wer die neuen Standorte nicht nur als Rivalen, sondern auch als Absatzmärkte und Partner begreift, kann an ihrem Wachstum teilhaben, statt ihm zuzusehen. Die JMC-Studie fasst diese Haltung in der Formel „Kooperation statt Verlagerung“ zusammen.
Kein Land verdichtet die Chancen und Risiken der neuen Weltkarte dabei so stark wie Marokko, wo hochdigitalisierte Räderfabriken entstehen, während Europas Gießereien um Aufträge ringen. Ob das nordafrikanische Königreich für die europäische Branche zum Schlüssel oder zur verpassten Chance wird, beleuchtet ein eigener Beitrag.