• 28.07.2026
  • Interview

Aluminium-Einkauf: von der operativen Aufgabe zum strategischen Wettbewerbsfaktor

Aluminium ist für Druckgießereien unverzichtbar, doch seine Beschaffung wird immer anspruchsvoller. Geopolitische Risiken, volatile Preise und der wachsende Wettbewerb um hochwertiges Recyclingmaterial erhöhen den Druck auf europäische Lieferketten. Hinzu kommen steigende Anforderungen an CO2-Fußabdruck und Herkunftsnachweise. Im Interview mit EUROGUSS 365 erläutern Sven-Steffen Schulz, Leiter Market Research beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), und Pierina Miladinovic, Senior Analyst BME Market Research, welche Entwicklungen den Markt prägen und wie Gießereien ihre Versorgung resilient, wirtschaftlich und nachhaltig aufstellen können.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Ein großer Haufen Aluminiumschrott
Recyclingmaterial trägt zu einer deutlichen Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks bei und kann die Versorgungssicherheit erhöhen.
Sven-Steffen Schulz, Leiter Market Research beim BME
 Sven-Steffen Schulz, Leiter Market Research beim BME

Welche Entwicklungen beeinflussen die Verfügbarkeit und den Preis von Aluminium derzeit besonders stark?

Sven-Steffen Schulz: Der Aluminiummarkt wird derzeit vor allem von drei Faktoren beeinflusst: geopolitischen Risiken, hohen Energiekosten und einer anhaltend robusten Nachfrage aus Zukunftsbranchen wie Elektromobilität, erneuerbaren Energien und dem Leichtbau. Gleichzeitig sorgen Produktionsbeschränkungen in wichtigen Erzeugerländern, zum Beispiel in Mosambik, sowie rückläufige Lagerbestände dafür, dass der Markt empfindlich auf Störungen reagiert. Bereits kleinere Ausfälle in der Produktion oder im Transport können zu deutlichen Preisschwankungen führen. 

Für die verarbeitende Industrie bedeutet das, dass Aluminium auch in den kommenden Jahren ein vergleichsweise volatiler Beschaffungsmarkt bleiben dürfte. Neben dem LME-Kurs gewinnen regionale Prämien, Transportkosten und die Verfügbarkeit von Schrott zunehmend an Bedeutung für die tatsächlichen Beschaffungskosten.

Mit welchen Risiken müssen europäische Druckgießereien bei der Aluminiumbeschaffung in den kommenden Jahren rechnen?

Pierina Miladinovic: Die Druckgießereien müssen sich auf eine zunehmende Unsicherheit in den Lieferketten einstellen. Die europäische Primäraluminiumproduktion ist rückläufig, während die Abhängigkeit von Importen wächst. Gleichzeitig erhöhen geopolitische Spannungen, mögliche Handelsrestriktionen und regulatorische Eingriffe das Risiko von Versorgungsengpässen. Hinzu kommt der steigende Wettbewerb um hochwertige Recyclingmaterialien, die für viele Unternehmen künftig eine zentrale Rohstoffquelle darstellen werden.

Die Herausforderung besteht daher nicht nur darin, ausreichend Aluminium zu beschaffen. Entscheidend wird auch zukünftig sein, die geforderte Qualität und Nachhaltigkeit sicherzustellen.

Wie verändert die steigende Nachfrage nach Sekundäraluminium den Beschaffungsmarkt?

Sven-Steffen Schulz: Da Recyclingaluminium deutlich weniger Energie benötigt und einen wesentlich geringeren CO₂-Fußabdruck aufweist als Primäraluminium, steigt sein Stellenwert in vielen Branchen kontinuierlich. Dies führt jedoch gleichzeitig zu einem intensiveren Wettbewerb um hochwertige Schrott- und Recyclingqualitäten. Für Gießereien wird der Zugang zu qualitätsgesicherten Sekundärmaterialien deshalb zunehmend zu einem strategischen Ziel. Zusammenfasend lässt sich sagen, dass künftig nicht nur der Metallpreis entscheidend sein wird, sondern auch die Verfügbarkeit geeigneter Recyclingströme.

Welche Bedeutung gewinnen CO₂-Fußabdruck, Herkunftsnachweise und regulatorische Vorgaben bei der Lieferantenauswahl?

Pierina Miladinovic: Diese drei Faktoren entwickeln sich immer stärker zu festen Bestandteilen der Lieferantenauswahl. Denn die Kunden verlangen zunehmend Transparenz darüber, woher das Material stammt und welche Emissionen bei dessen Herstellung entstanden sind. Gleichzeitig erhöhen neue Regelwerke wie der europäische CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM die Anforderungen an Dokumentation und Nachweisführung. 

Für Lieferanten von Aluminium wird es daher immer wichtiger, verlässliche Informationen zu Emissionen, Recyclinganteilen und Materialherkunft bereitzustellen. Das Thema Nachhaltigkeit wird damit zunehmend zu einem nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen und strategischen Wettbewerbsfaktor.

Pierina Miladinovic, Senior Analyst BME Market Research
Pierina Miladinovic, Senior Analyst BME Market Research

Welche konkreten Maßnahmen empfehlen Sie insbesondere mittelständischen Gießereien, um ihre Versorgung resilienter und zugleich wirtschaftlich tragfähig aufzustellen?

Sven-Steffen Schulz: Mittelständische Gießereien sollten ihre Aluminiumbeschaffung heute stärker strategisch ausrichten als in der Vergangenheit. Entscheidend ist, Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten oder Bezugsregionen zu reduzieren und die Lieferantenbasis breiter aufzustellen. Gleichzeitig gewinnen langfristige Partnerschaften an Bedeutung, um auch in angespannten Marktphasen eine verlässliche Versorgung sicherzustellen.

Darüber hinaus empfiehlt es sich, den Einsatz von Sekundäraluminium dort auszubauen, wo dies technisch möglich ist. Recyclingmaterial trägt nicht nur zu einer deutlichen Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks bei, sondern kann auch die Versorgungssicherheit erhöhen. Ergänzend sollten Unternehmen darauf hinarbeiten, Preisrisiken durch geeignete Vertragsmodelle und eine vorausschauende Einkaufsplanung zu begrenzen.

Fazit: Wer Versorgungssicherheit, Kostenkontrolle und Nachhaltigkeit gemeinsam betrachtet, wird künftig deutlich robuster aufgestellt sein. Die Beschaffung von Aluminium entwickelt sich damit zunehmend von einer operativen Aufgabe zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor.

Über den BME

Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e. V. (BME) ist Netzwerk und Interessenvertretung für Einkauf, Supply Chain und Logistik in Deutschland und Europa. Die 1954 gegründete Organisation zählt rund 13.000 Mitglieder aus Unternehmen aller Branchen und Größen. In 38 Regionen sowie zahlreichen Fach- und Netzwerkgruppen fördert er den Erfahrungsaustausch, stellt Marktinformationen bereit und unterstützt die fachliche Aus- und Weiterbildung. Das jährliche Beschaffungsvolumen der BME-Mitgliedsunternehmen beträgt nach Verbandsangaben 1,25 Billionen Euro.

Autor

EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
euroguss365@nuernbergmesse.de