Der Fehler liegt also im Test-Setup?
Fabian Niklas: Ja, ohne Vorbereitung, ohne ein richtiges Werkzeugkonzept, ohne Prozessverständnis kann ich sehr zuverlässig „nachweisen“, dass es nicht geht.
Und damit sind wir bei einem zweiten Punkt, der Skalierung oft mehr im Weg steht als die Technik. Wenn ich einfach Druckgussteile auf Rheocasting „umbiegen“ will, bringt das oft wenig. Ich muss neue Anwendungen finden, wo die Rheocasting-Eigenschaften wirklich einen Vorteil liefern, sonst kannibalisieren sich Gießer am Ende nur selbst. Für neue Anwendungen braucht es aber aktives Marketing und Business Development. Allerdings existiert das bei vielen Gießern praktisch nicht. Die meisten warten darauf, dass der Kunde schon kommen wird.
Und aktuell im Krisenmodus kommt noch dazu, dass viele keine Unterstützung hinzuziehen, weil man Angst hat, dass andere was abgucken könnten. Also macht man es allein und wundert sich, dass es nicht funktioniert. Und dann wird das Thema als „nicht serienreif“ abgestempelt, obwohl es nur falsch angegangen wurde.
Wenn Sie vorausblicken: Welche Rolle wird Rheocasting in einigen Jahren in der Industrie spielen – oder bleibt es eine strategische Nische?
Fabian Niklas: Für mich ist bei der Frage wichtig zu unterstreichen, dass Rheocasting den Druckguss nicht ersetzt. Rheocasting erweitert das Spektrum dessen, was mit einer Druckgusszelle produziert werden kann.
Und in dem Verständnis ist es ein geniales Werkzeug, um wegfallende Volumina und niedrigmargige Standardprodukte, vor allem aus der Automotive-Industrie, Stück für Stück durch margenstärkere Rheocasting-Produkte aus anderen Industrien zu ersetzen. Damit stellt sich eine Gießerei viel resilienter auf. Wenn ich 20–30 Prozent Marge auf einem Bauteil habe, interessiert es mich nicht, wenn der Strompreis um 10 Prozent steigt; ich habe genug Luft, um das abzufangen. Ich kann mir gute Leute leisten, ich kann investieren und meine Produktion stabil halten. Genau da zeigt sich Rheocasting in seiner Stärke, nicht als Druckgussersatz, sondern als strategische Erweiterung mit besseren Produkten.
Aber das passiert nicht automatisch.
Fabian Niklas: Nein, das geht nicht so nebenher. Es erfordert, sich wirklich mit dem Prozess auseinanderzusetzen, die richtigen Anwendungen zu finden. Das sind oft nicht die klassischen „Wir nehmen ein bestehendes Druckgussteil und stellen es um“-Projekte, sondern neue Anwendungen, in denen Rheocasting einen echten, „unfairen“ Vorteil liefert.
Es erfordert neue Anguss- und Entlüftungskonzepte, Prozessverständnis und es erfordert, mit dem Marketing anzufangen, weil viele dieser Branchen keine Portale haben und gar nicht wissen was Druckguss ist. Du musst rausfinden: Wie kann ich Interesse bei meinen idealen Kunden wecken? Wie erreiche ich Leute, die ich noch gar nicht kenne? Wie erkläre ich denen, was möglich ist?
Ich glaube, dass für Gießer, die wirtschaftlich erfolgreich sein wollen, Rheocasting genau der Prozess ist, um die Druckgussproduktion strategisch zu erweitern. Die, die glauben, dass das, was sie seit 30 Jahren machen, das einzig Wahre ist, werden Stück für Stück verschwinden, weil die Volumina weiter zurückgehen. Mit zunehmender Elektromobilität gehen sie noch stärker zurück, weil EVs weniger Gussteile benötigen und neue Bauteile häufig in anderen Schließkraftbereichen liegen.
Ich glaube, Rheocasting wird ein entscheidender Faktor sein, ob es einer Gießerei in Zukunft gut geht oder nicht. Und man sieht heute schon, dass die Gießer, die den Prozess strategisch nutzen, wirtschaftlich sehr gut dastehen. Das sehe ich in Nordamerika, in China und in Indien. Allerdings sehe ich das aktuell weniger in Europa. Hier wartet man ab.
Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews auf EUROGUSS 365.