• 31.03.2026
  • Interview

Interview: „Rheocasting ist nicht Druckgussersatz, sondern strategische Erweiterung mit besseren Produkten.“

Rheocasting gilt als technologisch vielversprechende Weiterentwicklung des Druckgusses – und doch ist der breite industrielle Einsatz bislang ausgeblieben. Im zweiten Teil des Interviews erklärt Fabian Niklas, warum klassische Druckgussprozesse lange als „gut genug“ galten, welche Herausforderungen bei Prozessführung und Werkzeugauslegung bestehen und weshalb ein klassisches Henne-Ei-Problem zwischen Gießereien und Kunden die Marktdurchdringung zusätzlich bremst.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Der Rheocasting Pavillon auf der EUROGUSS 2026
Auf der EUROGUSS 2026 war das Rheocasting prominent platziert.

Warum hat sich das Verfahren trotz der unbestreitbaren Vorteile bislang nicht in der Breite durchgesetzt?

Fabian Niklas: Das ist eine meiner Lieblingsfragen, weil Rheocasting nichts Neues ist. Die ersten Untersuchungen dazu hat Professor Flemings am MIT schon von 1971 bis 1973 gemacht. Das Wissen gibt es also seit sehr langer Zeit. Die spannende Frage ist: Warum ist es trotzdem nicht in der Breite in Serie? Und da gibt es mehrere Gründe.

Erstens: Druckguss ist einfach ein hervorragender Prozess. Druckguss macht einen super Job und liefert für sehr viele Anwendungen Bauteile, die völlig ausreichend und wirtschaftlich sind. Und solange das so ist, gibt es wenig Druck, etwas zu verändern.

Aber jetzt kommen wir an Punkte, an denen wir die Limits des klassischen Druckgusses erreichen. 180 bar Heliumdichtheit ist im Druckguss nicht herstellbar. Hohe Wärmeleitfähigkeiten, die man für moderne Anwendungen braucht, bekomme ich mit normalen Druckgusslegierungen nicht hin. Und bei Themen wie Gigacasting habe ich zwei, drei Meter Fließlänge. Wenn ich am Ende der Füllung trotzdem noch gute Eigenschaften und stabile Qualität brauche, geht das mit einem Slurry deutlich besser. Genau dort spielt Rheocasting seine Stärken aus.

Zweitens: Prozesstechnik. Es gibt heute zig Wege, ein Slurry herzustellen, ich glaube, aktuell sind es 87 Patentansätze. Das Problem ist, dass fast alle temperaturgesteuert sind. Das klingt erstmal logisch, ist in der Praxis aber brutal schwierig, weil sich mit jeder neuen Schmelze der Liquiduspunkt leicht verschiebt und damit auch der Feststoffgehalt. Und zwischen „turbulent, Blister, Ausschuss“ bei ungefähr 20 Prozent Feststoffgehalt und „laminar, sehr gute Qualität“ bei 40 Prozent liegen teilweise weniger als 1 Grad Temperaturunterschied im Slurry. Wenn ich 5 bis 50 Kilo Schmelze auf 0,1 Grad genau präparieren soll, ist das einfach nicht robust genug für die Serie.

Aufnahmen von Rheocastingteilen im Vergleich: zu niedriger Feststoffgehalt führt zu Fehlern.
Der Feststoffgehalt ist mitentscheidend für die Bauteilqualität: Im Bild links beträgt er 20 Prozent, rechts 40 Prozent.

Und da ist aus meiner Sicht ein entscheidender Punkt: Ein Prozess wie der RheoMetal-Prozess von Comptech, der nicht temperaturgesteuert ist und dadurch reproduzierbar immer die gleichen Slurry-Bedingungen erzeugt, ist ein echter Gamechanger. Solche stabilen Lösungen sind im Markt noch relativ jung. Verfügbar sind sie erst seit etwa 2020. Das heißt, dass viele Anwendungen, die wir heute sehen, erst jetzt in dieser Form überhaupt realistisch in Serie sind.

Drittens: Markt und Marketing. Und da kommt das klassische Henne-Ei-Problem dazu. Du hast OEMs und Tier-1, die sagen: „Rheocasting wäre eigentlich ideal, aber gibt es denn genug Gießer, die das sauber können? Nur wenn es die gibt, machen wir Bauteile dafür.“ Und auf der anderen Seite sagt der Gießer: „Wo sind denn die Aufträge? Wenn der OEM nichts Konkretes vergibt, beschäftige mich nicht damit.“ Das blockiert die Skalierung vollständig, weil beide Seiten auf den ersten Schritt des anderen warten.

 

Gibt es weitere Gründe?

Fabian Niklas: Zusätzlich wird unterschätzt, dass Rheocasting nicht nur Automotive ist. Für viele Non-Automotive-Anwendungen gibt es sogar bessere Einsatzmöglichkeiten. Aber die findest du nur, wenn du als Gießer aktives Marketing machst, und zwar dort, wo diese Leute wirklich sind: auf Social Media, auf Konferenzen anderer Industriezweige, in Communities außerhalb der klassischen Druckguss-Bubble. Wenn du da kein Interesse weckst, gibt es diese Projekte für dich schlicht nicht.

Und falls doch mal jemand um die Ecke kommt und sagt: „Ich hätte gerne 10.000–20.000 Stück im Jahr“, dann wird er oft abgeblockt, weil es eben nicht 100.000 Stück sind und nicht vom großen OEM-Bestandskunden stammen. Dabei starten viele spannende und deutlich profitablere Anwendungen genauso und wachsen erst danach.

Unterm Strich: Rheocasting hat sich nicht breit durchgesetzt, weil Druckguss lange „gut genug“ war, weil die Prozesstechnik lange nicht stabil genug für Serie war und weil wir als Branche zu wenig neue Anwendungen aktiv entwickeln und vermarkten. Jetzt kommen die Anwendungen, die Prozesstechnik ist reifer, und jetzt muss man das Thema konsequent in den Markt tragen.

 

Welche technischen oder wirtschaftlichen Faktoren erschweren die Skalierung und Serienintegration von Rheocasting?

Fabian Niklas: Die Umstellung von Druckguss auf Rheocasting ist für viele Gießer extrem schwierig, weil Rheocasting ganz bestimmte Anforderungen an Prozess und Werkzeug stellt.

Was typischerweise passiert: „Papier ist geduldig“, also will man es selber testen. Dann nimmt man irgendein Werkzeug, das gerade end-of-life ist, spannt es an einer Uni oder bei einem Technologieträger auf und macht ein paar Versuche. Und dabei kommt raus: „Oh, funktioniert ja gar nicht.“

Portrait von Fabian Niklas
Fabian Niklas, Geschäftsführer der Casting-Campus GmbH

Nur: Das Test-Setup war falsch. Ein Druckguss-Anguss ist dafür ausgelegt, möglichst kurze Fließwege zu haben und extrem dünn zu sein, damit man das Metall mit hoher Geschwindigkeit reinspritzt. Wenn ich diesen Anguss aber im Rheocasting verwende, trenne ich mir den Slurry auf. Der Feststoff bleibt vor dem Anguss zurück, während die Flüssigkeit wie aus einem Schwamm ausgepresst wird und ins Bauteil geht. Das Ergebnis ist ein inhomogenes Gefüge mit schlechten Eigenschaften. Das hat nichts mit „Rheocasting geht nicht“ zu tun, sondern mit „Werkzeug und Prozess passen nicht“.

Gleiches Spiel beim Thema Entlüftung und Überläufe: Im Druckguss wird oft Luft in die Schmelze eingewirbelt und taucht anschließend irgendwo im Bauteil wieder auf. Rheocasting schiebt die Luft eher vor sich her. Das heißt, ich brauche andere bzw. zusätzliche Entlüftungskonzepte, wenn ich ein perfektes Bauteil will. 

Und dann kommt noch ein Klassiker: der Legierungswechsel beim Test. Viele steigen zum Beispiel von AlSi10 auf AlSi7 um. AlSi7MnMg hat andere Fließeigenschaften, Metallgeschwindigkeiten sind kritischer und die Klebeneigung steigt bei falschem Werkzeugdesign. Wenn das Überlaufsystem oder das Angusssystem die Schmelze beschleunigt, verzeiht AlSi10 das – AlSi7 eben nicht. Und dann heißt es wieder: „Rheocasting funktioniert nicht.“

Der Fehler liegt also im Test-Setup?

Fabian Niklas: Ja, ohne Vorbereitung, ohne ein richtiges Werkzeugkonzept, ohne Prozessverständnis kann ich sehr zuverlässig „nachweisen“, dass es nicht geht.

Und damit sind wir bei einem zweiten Punkt, der Skalierung oft mehr im Weg steht als die Technik. Wenn ich einfach Druckgussteile auf Rheocasting „umbiegen“ will, bringt das oft wenig. Ich muss neue Anwendungen finden, wo die Rheocasting-Eigenschaften wirklich einen Vorteil liefern, sonst kannibalisieren sich Gießer am Ende nur selbst. Für neue Anwendungen braucht es aber aktives Marketing und Business Development. Allerdings existiert das bei vielen Gießern praktisch nicht. Die meisten warten darauf, dass der Kunde schon kommen wird. 

Und aktuell im Krisenmodus kommt noch dazu, dass viele keine Unterstützung hinzuziehen, weil man Angst hat, dass andere was abgucken könnten. Also macht man es allein und wundert sich, dass es nicht funktioniert. Und dann wird das Thema als „nicht serienreif“ abgestempelt, obwohl es nur falsch angegangen wurde.

 

Wenn Sie vorausblicken: Welche Rolle wird Rheocasting in einigen Jahren in der Industrie spielen – oder bleibt es eine strategische Nische?

Fabian Niklas: Für mich ist bei der Frage wichtig zu unterstreichen, dass Rheocasting den Druckguss nicht ersetzt. Rheocasting erweitert das Spektrum dessen, was mit einer Druckgusszelle produziert werden kann.

Und in dem Verständnis ist es ein geniales Werkzeug, um wegfallende Volumina und niedrigmargige Standardprodukte, vor allem aus der Automotive-Industrie, Stück für Stück durch margenstärkere Rheocasting-Produkte aus anderen Industrien zu ersetzen. Damit stellt sich eine Gießerei viel resilienter auf. Wenn ich 20–30 Prozent Marge auf einem Bauteil habe, interessiert es mich nicht, wenn der Strompreis um 10 Prozent steigt; ich habe genug Luft, um das abzufangen. Ich kann mir gute Leute leisten, ich kann investieren und meine Produktion stabil halten. Genau da zeigt sich Rheocasting in seiner Stärke, nicht als Druckgussersatz, sondern als strategische Erweiterung mit besseren Produkten.

 

Aber das passiert nicht automatisch. 

Fabian Niklas: Nein, das geht nicht so nebenher. Es erfordert, sich wirklich mit dem Prozess auseinanderzusetzen, die richtigen Anwendungen zu finden. Das sind oft nicht die klassischen „Wir nehmen ein bestehendes Druckgussteil und stellen es um“-Projekte, sondern neue Anwendungen, in denen Rheocasting einen echten, „unfairen“ Vorteil liefert. 

Es erfordert neue Anguss- und Entlüftungskonzepte, Prozessverständnis und es erfordert, mit dem Marketing anzufangen, weil viele dieser Branchen keine Portale haben und gar nicht wissen was Druckguss ist. Du musst rausfinden: Wie kann ich Interesse bei meinen idealen Kunden wecken? Wie erreiche ich Leute, die ich noch gar nicht kenne? Wie erkläre ich denen, was möglich ist?

Ich glaube, dass für Gießer, die wirtschaftlich erfolgreich sein wollen, Rheocasting genau der Prozess ist, um die Druckgussproduktion strategisch zu erweitern. Die, die glauben, dass das, was sie seit 30 Jahren machen, das einzig Wahre ist, werden Stück für Stück verschwinden, weil die Volumina weiter zurückgehen. Mit zunehmender Elektromobilität gehen sie noch stärker zurück, weil EVs weniger Gussteile benötigen und neue Bauteile häufig in anderen Schließkraftbereichen liegen.

Ich glaube, Rheocasting wird ein entscheidender Faktor sein, ob es einer Gießerei in Zukunft gut geht oder nicht. Und man sieht heute schon, dass die Gießer, die den Prozess strategisch nutzen, wirtschaftlich sehr gut dastehen. Das sehe ich in Nordamerika, in China und in Indien. Allerdings sehe ich das aktuell weniger in Europa. Hier wartet man ab.

 

Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews auf EUROGUSS 365.

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EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
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