• 24.03.2026
  • Interview

Interview: „Rheocasting ist längst kein ,Jugend-forscht‘-Projekt mehr.“

Rheocasting gilt seit Jahren als vielversprechendes Gussverfahren. Auf der EUROGUSS 2026 war ihm ein eigener Pavillon gewidmet. Trotzdem ist der industrielle Durchbruch bislang ausgeblieben. Fabian Niklas, Geschäftsführer der Casting-Campus GmbH, gilt als engagierter Befürworter der Technologie. Im Interview mit EUROGUSS 365 erklärt er, warum Rheocasting reif ist für die Serienfertigung, wo der Einsatz Sinn macht und wie Fehler beim Einstieg vermieden werden können.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Der Rheocasting Pavillon auf der EUROGUSS 2026.
Auf der EUROGUSS 2026 war das Rheocasting prominent platziert.
Portrait von Fabian Niklas
Fabian Niklas, Geschäftsführer der Casting-Campus GmbH

Herr Niklas, Sie haben auf der EUROGUSS 2026 zwei Guided Tours zum Thema Rheocasting geleitet. Wie wurde das Thema angenommen? Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Fabian Niklas: Es war spannend, die Touren zu durchzuführen. Beide waren gut besucht und jedes Mal kamen spontan noch Leute vorbei, die mitgehen wollten. Von den Teilnehmern her war es global bunt gemischt. Die Leute waren neugierig. Man hört Rheocasting überall, und viele wollten einfach verstehen: „Was steckt dahinter?“

Mein Highlight-Moment war direkt am Rheocasting-Pavillon. Da konnte ich ganz konkret zeigen: Hier gibt es Bauteile, die in der Serienproduktion laufen. Hier sind Eigenschaften, die man so im klassischen Druckguss nicht bekommt. Und hier sind Anwendungen, bei denen neue Bauteile tatsächlich auf bestehenden Maschinen in die Produktion gebracht wurden. Das war schon sehr cool, weil es das Thema greifbar macht.

Welche Fragen wurden am häufigsten gestellt?

Fabian Niklas: Die häufigsten Fragen waren: Wie funktioniert das genau? Was ist die Schwierigkeit, wenn ich vom Druckguss auf Rheocasting umsteigen will? Da kommt man relativ schnell zu einem der größten Hindernisse: das Thema Legierungen, weil nah-eutektische Legierungen im Rheocasting nicht vergossen werden können.

Natürlich gab es auch typische Gegenargumente: Zykluszeit, Kosten, Prozessstabilität. Aber das sind Themen, die man technisch sauber erklären kann – und wenn man weiß, was man tut, ist Rheocasting eine echte Alternative, die deutliche Kostenvorteile bringen kann. Allerdings eben nicht für jede Anwendung.

 

Wie bewerten Sie die Bereitschaft der Gießereiindustrie, in Rheocasting zu investieren? Sehen Sie konkrete Umsetzungsprojekte?

Fabian Niklas: Die Investitionsbereitschaft ist so eine Sache. Rheocasting ist ja längst kein „Jugend-forscht“-Projekt mehr. Es gibt Anwendungen, die in der Serie laufen. Trotzdem fällt es vielen Gießern, Design Ownern, OEMs und Tier-1s extrem schwer, an das Thema heranzukommen, weil es komplex ist. 

Nur weil „Rheocasting“ draufsteht, heißt das nicht, dass immer dasselbe drin ist. Ein entscheidender Punkt ist zum Beispiel: Wie stabil bekomme ich meinen Feststoffgehalt hin? Mit 15 Prozent Feststoffgehalt habe ich eine turbulente Füllung, bei 35–45 Prozent kann ich laminar füllen und das sind zwei völlig unterschiedliche Welten in der Auswirkung auf die Gussqualität. Das heißt: Ich muss im Vorfeld wirklich verstehen, wie der Prozess funktioniert, bevor ich Bauteile sinnvoll im Rheocasting produzieren kann. 

Man sieht aber auch: Wenn der Vorteil groß genug ist, dann wird ohne großes Zögern investiert. Ein Beispiel ist die Telekommunikationsbranche. Bei der Umstellung von 4G auf 5G wurde plötzlich die Wärmeleitfähigkeit zum limitierenden Faktor für die Reichweite der Antennen. Wenn du ein ganzes Land mit Antennen ausrüsten musst, macht jedes Prozent einen riesigen Unterschied. Da wurde Rheocasting für die Antennengehäuse eingesetzt. Es wurde mit einer AlSi2,5Fe-Legierung gearbeitet, die Wärmeleitfähigkeit im Bereich 185–195 W/mK ermöglicht, also eine ca. 40–50 Prozent höhere Wärmeleitfähigkeit als Druckgusslegierungen. Dadurch erreicht man in der Anwendung dann ungefähr 20 Prozent mehr Reichweite.

Auf der anderen Seite sieht man Branchen, gerade im Automotive-Umfeld, die sich extrem schwertun. Ein Treiber ist der F-Gas-Ban der EU: Kältemittel mit hohem Treibhauspotenzial werden schrittweise verboten, und für neue Plattformen nach 2026 ist R134a nicht mehr zulassungsfähig. Viele Kühlsystemhersteller schieben es Richtung Propan, aber Propan-Systeme sind ineffizienter und komplexer. Aber man kann beim Druckguss bleiben, indem man imprägniert – das ist bequem, aber nicht zwingend zukunftsfähig.

5G-Antennengehäuse, hergestellt im Rheocasting-Verfahren
5G-Antennengehäuse aus der Legierung Rheocool (AlSi2,5Fe) mit einer Wärmeleitfähigkeit von bis zu 198 W/mK

Können Sie ein Bespiel nennen?

Fabian Niklas: Ein japanischer Tier-1, der selbst gießt, hat sich das angeschaut und gesagt: Mit Rheocasting kann ich CO₂-Kompressoren gießen, die etwa die dreifache Effizienz haben. Und die Bauteile sind danach mit 180 bar heliumdicht, ohne Imprägnierung. Zusätzlich kann man vom Einkavitäten-Design auf ein Zweikavitäten-Design wechseln und erhält massive Effizienzvorteile. Aber in Europa traut sich aktuell kaum ein Tier-1, so eine Entscheidung konsequent zu treffen.

Und das hängt nicht nur am Willen, sondern auch an den Konsequenzen. Beim japanischen Beispiel hatten sie über 25 Jahre lang ein standardisiertes Anguss-System, das in jeder Form verwendet wurde. Nach zwei Simulationen war klar, dass das fürs Rheocasting nicht tragbar ist. Dann musst du die Entscheidung für ein neues Anguss-Konzept treffen, eine neue Formauslegung, und neue Prozessfenster implementieren. Diese weitreichenden Entscheidungen musst du treffen, wenn du Rheocasting profitabel in Serie bringen willst.

 

Gibt es hier regionale Unterschiede? 

Fabian Niklas: Regionale Unterschiede sehe ich hier deutlich. Solche Entscheidungen werden eher in Nordamerika, China und Indien getroffen, weil dort zum einen der Wettbewerbsdruck brutal ist und zum anderen viel unternehmerischer gedacht wird. Also geht man stärker über Technologie. Das hat man auch auf der EUROGUSS gemerkt. Bei mir am Casting-Campus-Stand waren gefühlt 40 Prozent der Besucher aus Indien und die wollten sehr konkret wissen, wie man Rheocasting sauber implementiert. Gießer aus Europa waren eher in der Minderheit.

 

Warum ist man in Europa aus Ihrer Sicht zögerlicher?

Fabian Niklas: Warum Europa zögerlicher ist, ist aus meiner Sicht ziemlich klar. Hier hängt extrem viel vom Automotive-Volumen ab, und genau diese Branche steht massiv unter Druck. Margen purzeln seit Jahren, Volumina sind unsicher und viele Gießereistandorte sind teuer, produzieren aber am Ende oft nur Standardprodukte. Ein Federbeindom ist technologisch nichts, wofür man zwingend einen High-End-Standort in Westeuropa braucht. Den bekommst du auch anderswo in gleicher Qualität hin. Und dann bringt „mehr Automatisierung“ auch nur bedingt etwas, wenn die Stückzahlen wegbrechen.

Die Grundhaltung ist häufig: „Das ist nicht die erste Krise, wir halten das Geld zusammen und warten ab. Dann kommen wir da schon wieder raus.“ Nur diesmal ist es struktureller: Europäische Fahrzeuge sind für viele Käufer zu teuer geworden, und der Wettbewerbsdruck aus China ist enorm. In so einem Umfeld ist es sehr gefährlich, Technologieinvestitionen zu vertagen.

Und was ich leider auch oft sehe: Man „testet“ Rheocasting, indem man eine alte Druckgussform nimmt, und sie auf irgendeine Versuchsanlage bringt. Man macht ein paar Schüsse und die Qualität ist erwartbar schlecht, weil die Form nie für den Prozess ausgelegt wurde. Dann klopft man sich auf die Schulter und sagt: „Siehst du, wir verpassen gar nichts.“ Das ist aber kein fairer Test des Verfahrens.

 

Welcher der bekannten Vorzüge des Rheocastings stößt bei den Unternehmen auf das größte Interesse?

Fabian Niklas: Es gibt nicht die eine Anwendung für Rheocasting. Es ist eher ein Blumenstrauß an Anwendungen, für die es Sinn macht, und viele scheitern daran, dass sie vom falschen Ende her denken.

Viele kommen aus dem Automotive und sagen: „Ich habe hier ein Druckgussbauteil, lass uns das auf Rheocasting umstellen.“ Und da scheitert es dann meistens, weil das Bauteil als Druckgussteil ja funktioniert. Nehmen wir wieder einen typischen Federbeindom: Der ist für eine Legierung wie AlSi10 ausgelegt. Wenn ich den im Rheocasting gießen will, muss ich zum Beispiel auf AlSi7 umstellen. Das heißt, es braucht neue Materialspezifikationen, neue Freigaben, alles neu. Und am Ende habe ich dann zwar mehr Festigkeit und mehr Dehnung, aber die Anwendung braucht das gar nicht, weil das Bauteil vorher schon funktioniert hat. Dann ist „Rheocasting als Ersatz“ einfach nicht die richtige Story.

Großaufnahme eines 3G-Frequenzfilters.
Teil eines 3G-Frequenzfilters im Rheocasting: Die Stärke der Wände beträgt nur 0,4 Millimeter.

Der größte Hebel liegt dort, wo Rheocasting einen, ich nenne es mal „unfairen“ Vorteil bietet. Also dort, wo andere Verfahren technisch oder wirtschaftlich nicht mehr sauber mitgehen können. Typischerweise waren es bei mir zwei Themen, die am meisten Aufmerksamkeit bekommen haben:

Das ist das Thema „Kühlkörper“: Die Elektronik wird immer kleiner, aber die Verlustleistung steigt. Früher war die Wärmeleitfähigkeit des Aluminiumgehäuses kein Flaschenhals. Heute brauche ich hohe Wärmeleitfähigkeit, um die Wärme abzuführen und gleichzeitig absolute Porenfreiheit, weil hinten dran oft das Kühlsystem und eine Schweißnaht hängen. Eine AlSi2,5 lässt sich im Rheocasting hervorragend gießen, ich komme auf ca. 185–195 W/mK und bin damit auf einem Niveau, das man sonst durch Fräsen aus Vollmaterial bekommt, aber für einen Bruchteil der Kosten.

Und die konkretesten Gespräche waren zum Thema „heliumdicht ohne Imprägnierung“. Das ist für viele der Gamechanger, wenn man Bauteile 180 bar heliumdicht bekommt, ohne dass ich sie über die Imprägnierung „retten“ muss, was bei den Drücken auch nicht funktioniert. Das eröffnet vielen Gießern zusätzliche Anwendungen wie zum Beispiel Kompressor- oder Pumpengehäuse.

Zusätzlich zieht bei vielen Unternehmen auch das Gesamtpaket aus diesen messbaren Vorteilen:

  • lange Fließwege/bessere Füllung durch die thixotropen Eigenschaften des Slurrys
  • Reduktion der Maschinengröße um oft 20–30 Prozent, weil weniger Druck nötig ist und man das Angusssystem besser optimieren kann
  • Wandstärken-Freiheit, also extrem dünn bis ca. 0,4 mm fast ohne Entformungsschrägen, aber auch sehr dicke Bereiche von 80–100 mm, teils im selben Bauteil
  • je nach Anwendung weniger Poren, weniger Nacharbeit und teilweise T5- statt T6-Wärmebehandlung, was Energieverbrauch und CO₂-Footprint reduziert.

Unterm Strich: Das größte Interesse entsteht immer dann, wenn Rheocasting nicht „nice to have“ ist, sondern der Enabler, weil es Eigenschaften liefert, die sonst gar nicht oder nur viel teurer möglich sind.

Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews auf EUROGUSS 365

Autor

EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
euroguss365@nuernbergmesse.de