• 18.02.2026
  • Fachbericht

EUROGUSS 2026: Der Blick nach vorn

Wer die Hallen der EUROGUSS 2026 betrat, spürte sofort: Die Branche richtet den Blick wieder nach vorn. Gespräche wirkten offener, neugieriger, weniger von Abwehr geprägt. Statt über Risiken zu sprechen, rückten Fragen nach Machbarkeit, Skalierung und neuen Anwendungen in den Mittelpunkt – ein ungewohnt konstruktiver Ton nach Jahren, die stark von Unsicherheiten geprägt waren.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

EUROGUSS 2026: Zwei Personen im Gespräch vor ausgestellten Druckguss-Getriebegehäusen an einem Messestand.

Natürlich bleiben Themen wie Energiepreise, Investitionsdruck und globaler Wettbewerb präsent, doch sie bestimmten nicht mehr das gesamte Bild. Vielmehr zeigte sich eine Industrie, die ihre Herausforderungen kennt und dennoch wieder Gestaltungsspielräume sieht. Die Branche hat Lust auf die Zukunft – passend zum 30‑jährigen Jubiläum der Messe.

 

Druckguss als Systemtechnologie

Der Druckguss befindet sich nicht mehr im reinen Krisenmodus. Vielmehr scheint die Branche einen Punkt erreicht zu haben, an dem sie akzeptiert, dass alte Marktlogiken nicht zurückkehren werden. An ihre Stelle tritt ein neues Selbstverständnis: Druckguss nicht als isolierter Fertigungsschritt, sondern als integraler Bestandteil industrieller Wertschöpfung – als Systemtechnologie.

„Es ist wichtig Anlagen direkt in den Fertigungsprozess einzubinden“, so Ralf Versmold, CEO bei Godfrey & Wing GmbH. „Das heißt, nicht mehr als externen Prozess zu betrachten, sondern direkt in die Produktionslinie zu integrieren. Datenaustausch mit vor- und nachgelagerten Prozessen und natürlich auch die Flexibilität, die Skalierbarkeit von Anlagen ist in der gesamten Druckgussbranche sehr wichtig.“

Diese Sichtweise zieht sich durch viele Anwendungen. Sie betrifft klassische Automotive-Projekte ebenso wie neue Einsatzfelder in der Energie- und Infrastrukturtechnik, der Medizintechnik oder bei industriellen Komponenten mit hohen Funktionsanforderungen. Aluminium-, Magnesium- und Zinkdruckguss stehen dabei weniger für einzelne Bauteile als für Prozessketten: Datenintegration, Skalierung und Lebenszyklusbetrachtung rücken stärker in den Fokus als reine Bauteildimensionen.

Besucher stehen um ein Strukturbauteil auf dem Stand von Bühler auf der EUROGUSS 2026.
Der anfängliche Hype um Megacasting ist abgeklungen, aber nicht die Relevanz. Jetzt geht es um konkrete Anwendungsfälle. 

Megacasting ist nicht am Ende

Kaum ein Thema war erneut so präsent wie Megacasting. Doch der Ton hat sich verändert. Die Technologie wirkt weniger wie ein Versprechen, mehr wie eine industrielle Realität, die in konkrete Projekte übersetzt wird. Der anfängliche Hype ist abgeklungen – nicht die Relevanz. „Großguss- und Strukturbauteile trifft man nicht nur mehr bei Druckgussmaschinenherstellern, sondern auch bei Fräßmaschinenherstellern und anderen Playern der Industrie“, so Michael Cinelli, Head of Product Management & Marketing bei Bühler.

Megacasting ist damit kein singuläres Maschinen-Thema mehr, sondern Teil einer erweiterten Wertschöpfungskette. „Aus unserer Sicht wird Megacasting im Moment eher in konkreten Lösungen erörtert. Mit unseren Kunden und Geschäftspartnern arbeiten wir an konkreten Anwendungsfällen“, bestätigt Isabel Jeschek, Bereichsleitung Marktstrategie & Kommunikation bei Handtmann.

Rheocasting als strategische Option

In diesem Kontext gewann auch ein Verfahren neue Aufmerksamkeit, das alles andere als neu ist: Rheocasting. Erstmals mit einem eigenen Pavillon vertreten, traf das Gießen im halbfesten Zustand auf großes Interesse. Nicht als technischer Exkurs, sondern als ernsthafte Option für spezifische Anforderungen.

Rheocasting eröffnet neue Spielräume bei Bauteilfestigkeit, Porosität und Oberflächenqualität. Während Megacasting auf Skaleneffekte und Strukturintegration zielt, adressiert Rheocasting Funktionsintegration und neue Marktsegmente. Auf der EUROGUSS 2026 wurde das Verfahren weniger als Methode denn als Marktstrategie diskutiert – und traf damit einen Nerv.

Fachgespräch am Rheocasting Pavilion der EUROGUSS: Besucher informieren sich über ausgestellte Aluminium-Druckgussteile und Komponenten.
Der Rheocasting Pavilion hat auf der EUROGUSS 2026 Prämiere gefeiert.

Für Anwendungen, bei denen konventioneller Druckguss an physikalische oder wirtschaftliche Grenzen stößt, eröffnen sich alternative Pfade. Entscheidend ist dabei nicht die Technologie an sich, sondern ihre Passung zum Produkt, zum Markt und zur Organisation.

 

Nachwuchs ist eine Gegenwartsaufgabe

Oskar Frech und die Bühler engagieren sich auf der EUROGUSS erneut als Partner für die Nachwuchsformate. „Die Branche hat eine ganz wesentliche Herausforderung – und zwar gute Leute zu finden, die den Druckguss mit neuen Ideen und Anwendungen in die nächste Generation und ins nächste Jahrzehnt tragen“, sagt Dr.-Ing. Alexander F. Marks, Chief Customer Officer bei Oskar Frech GmbH + Co. KG. „Sie brauchen auch den Willen, Dinge neu zu denken. Es kommen neue Anwendungen in den Druckguss und dafür brauchen wir Nachwuchs mit cleveren Ideen und frischen Gedanken.“ 
 

Preisverleihung des EUROGUSS Talent Award 2026: Preisträgerinnen und Preisträger mit Urkunden gemeinsam mit den Partnern Frech und Bühler auf der Bühne.
Preisverleihung des Talent Awards auf dem Young Talent Day der EUROGUSS 2026.

Der neu konzipierte Young Talent Day ist daher weniger ein Recruiting-Event. Es ist ein bewusster Versuch, Anschluss an eine Generation zu finden, die andere Erwartungen und neue Ideen in die Industrie mitbringt. Studierende und Young Professionals bewegten sich nicht am Rand der Messe, sondern mitten im Geschehen – in Vorträgen, Gesprächen und Präsentationen mit klarem Bezug zur industriellen Praxis.

Der EUROGUSS Talent Award machte dabei sichtbar, wie sehr sich die Themen junger Abschlussarbeiten mit den aktuellen Herausforderungen der Branche decken. Ausgezeichnet wurde Selina Freygang, FAU Erlangen-Nürnberg und AUDI AG, für ihre Arbeit über ein konturbasiertes Abschreckverfahren für komplexe Strukturgussteile zur Verbesserung des Leichtbaupotenzials.

Weniger Leitthema, mehr Gefühl

Was von der EUROGUSS 2026 bleibt, ist weniger ein einzelnes Leitthema als ein Eindruck: Die Branche sucht wieder aktiv den Austausch. Auffällig war, wie präsent und dialogorientiert viele Unternehmen auftraten – nicht nur als Aussteller im klassischen Sinn, sondern als Gesprächspartner. 

Gerade Firmen wie Oskar Frech GmbH + Co. KG, Raffmetal Spa, Bühler AG, Chem-Trend GmbH, Paul Köster GmbH, Nemak Europe GmbH, Fill Gesellschaft m.b.H., Ströbel GmbH, Albert Handtmann Metallgusswerk und Wollin GmbH nutzten die Messe sichtbar, um Diskussionen anzustoßen, Wissen zu teilen und neue Kontakte zu knüpfen. 

Diese Offenheit passt zu einer Branche, die ihre Herausforderungen kennt – und dennoch beginnt, wieder nach vorne zu denken. Nicht euphorisch. Aber mit Zuversicht.

Autor

EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
euroguss365@nuernbergmesse.de