Nordamerika und Europa stehen vor ähnlichen Umbrüchen, aber unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Die Transformation der Automobilindustrie, neue Fertigungstechnologien, geopolitische Verschiebungen und steigende Anforderungen an Produktivität und Geschwindigkeit betreffen beide Märkte. Zugleich unterscheiden sich Investitionsbedingungen, Industriepolitik, Energieversorgung und Fachkräfteverfügbarkeit.
Druckguss breit aufgestellt
Welche Bedeutung der Druckguss für die US-Industrie hat, zeigen Zahlen der NADCA: Mehr als 300 Druckgussunternehmen betreiben in den USA über 400 Werke. Zusammen tragen sie nach Angaben des Verbands jährlich mehr als acht Milliarden US-Dollar zur US-Wirtschaft bei und sichern direkt und indirekt über 50.000 Arbeitsplätze. Der Druckguss steht dabei für mehr als ein Drittel aller Metallgussteile. Die Anwendungen reichen weit über den Automobilsektor hinaus – von Luft- und Raumfahrt und Medizintechnik bis zu Bau, Energie und Telekommunikation.
Für Europa stellt sich die Frage, wie sich die Bedingungen in Nordamerika auf Investitionen, Technologien und Geschäftsmodelle auswirken – und welche Schlüsse sich daraus für die eigene Wettbewerbsfähigkeit ziehen lassen. Beim EUROGUSS Executive Circle am 20. und 21. Januar 2027 in Frankfurt diskutiert Mike Meyer diese Fragen in der Panel Discussion „Europe in the Global HPDC Game: How to Win the Race“. Dort treffen internationale Perspektiven aus Europa, den USA und China aufeinander. Neben Mike Meyer nehmen Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin, Dirk Seckler, Co-CEO bei Handtmann Light Metal Casting, und Global Business Strategist Prof. Dr. Min Chen teil.
Johannes Messer: Wie beurteilen Sie die aktuelle Wettbewerbsfähigkeit der nordamerikanischen Druckgussindustrie im Vergleich zu Europa? Welche Faktoren werden bis 2030 darüber entscheiden, wie wettbewerbsfähig Druckgussstandorte sind?
Mike Meyer: Wettbewerb ist in der Druckgussindustrie nichts Neues. Wer neue Technologien aufgreift, hat bessere Chancen, dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Nordamerika profitiert derzeit stark von weltweiten Entwicklungen und politischen Rahmenbedingungen. Kunden wünschen sich heute Lieferanten, die sich in ihrer Nähe befinden und ihnen ein umfassendes Lösungsportfolio bieten können.
Johannes Messer: Welche technologischen Entwicklungen werden die HPDC-Industrie in den kommenden Jahren besonders prägen? Wo sehen Sie den größten Investitionsbedarf – und welche Technologien werden derzeit möglicherweise überschätzt oder zu früh als Branchenstandard betrachtet?
Mike Meyer: KI wird eine Technologie sein, die unsere Branche prägen wird. Giga-Casting ist zwar äußerst wichtig, hat sich bislang aber nicht in dem Maße durchgesetzt, wie manche erwartet haben. Ein Großteil der Giga-Casting-Zellen in China steht still – schlicht, weil die erforderlichen Produktionsvolumina fehlen.
Johannes Messer: In Europa haben OEMs und Tier-1-Zulieferer ihre eigenen Gießereikapazitäten deutlich ausgebaut. Wie entwickelt sich dieser Trend in Nordamerika? Welche Rolle werden unabhängige Druckgießereien im Wettbewerb mit den werkseigenen Gießereien spielen?
Mike Meyer: OEMs werden ihre eigenen Kapazitäten weiter ausbauen. Die NADCA unterstützt dabei diejenigen Unternehmen, die bei uns Mitglied sind. Unabhängige Druckgießereien werden in unserer Branche weiterhin eine entscheidende Rolle spielen. Wie bereits erwähnt, suchen OEMs nach Partnern, die ihre Anforderungen verstehen und schnell darauf reagieren können.
Über Mike Meyer
Mike Meyer ist Präsident der North American Die Casting Association (NADCA) und seit mehr als 35 Jahren in der Druckgussindustrie tätig. Vor seiner heutigen Funktion arbeitete er unter anderem als General Manager bei Mercury Marine in Fond du Lac, Wisconsin, als Präsident von Fort Recovery Industries in Ohio sowie als General Manager bei Boyd Corporation. Durch zahlreiche Reisen innerhalb der USA sowie nach Italien, Polen, in die Schweiz und nach Deutschland hat er ein breites internationales Netzwerk aufgebaut. Meyer setzt sich insbesondere für technologische Weiterentwicklung, Wissenstransfer und Arbeitssicherheit in der Branche ein.


