• 25.08.2026
  • Fachbericht

Neue Konkurrenz oder neue Chance? Marokkos rasanter Aufstieg zum Gießereistandort

Die modernste Fabrik Afrikas baut weder Smartphones noch Batterien für Elektroautos. Sie gießt Aluminiumräder. Das Weltwirtschaftsforum hat das Werk von CITIC Dicastal im marokkanischen Kenitra Anfang 2025 als erste Lighthouse Factory des Kontinents ausgezeichnet. Neben dem chinesischen Räderhersteller eröffnete mit der Hands Corporation Anfang 2020 auch ein koreanisches Unternehmen ein Werk in Marokko.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Mann trägt eine dunkle Aluminiumfelge in einem Felgenlager.
Millionen von Aluminiumrädern werden Jahr für Jahr in Marokko gegossen.

Als das Weltwirtschaftsforum im Januar 2025 seine neue Runde der Lighthouse Factories bekanntgab, also jener Fabriken, die weltweit als Vorbilder für Digitalisierung und Industrie 4.0 gelten, fand sich erstmals ein Standort in Afrika unter den ausgezeichneten – und zwar eine Gießerei. Der chinesische Konzern CITIC Dicastal, zu dem die deutsche KSM Castings Group gehört, fertigt in der Atlantic Free Zone bei Kenitra Aluminiumräder und Gussteile mit mehr als 40 digitalen Anwendungsfällen, vernetzter Echtzeitüberwachung und nach Angaben des Weltwirtschaftsforums 53 Prozent weniger direkten und energiebezogenen Emissionen.

Marokko steht damit exemplarisch für die zweite Reihe von Gießereistandorten, die hinter China heranwächst. Und kaum ein anderes Land verdichtet die Chancen und Risiken dieser Verschiebung so stark. Die Studie „Druckgussindustrie 2030 ff" von Johannes Messer Consulting (JMC) bringt es auf die Formel, Marokko könne zum Schlüssel für Europas Aluminiumgießereien werden – oder zur verpassten Chance.

 

Ein Autoland in nur zwei Jahrzehnten

Luftaufnahme des Stellantis-Werks in Kenitra, Marokko.
Das Stellantis-Werk in Kenitra.

Die Grundlage für den Aufstieg legte die Fahrzeugindustrie. Renault eröffnete 2012 in Tanger die bis heute größte Automobilfabrik Afrikas, zusätzlich zu der bereits seit 1959 bestehenden Fertigung in Casablanca. Im Jahr 2019 folgte Groupe PSA (heute Stellantis) mit einem Werk in Kenitra. Dadurch liefen im Jahr 2024 in Marokko über 550.000 Fahrzeuge vom Band, womit das Land Südafrika als führende Automobilnation des Kontinents überholte und im Jahr 2025 schließlich endgültig ablöste. So beschäftigt der Sektor rund 220.000 Menschen und exportiert etwa 80 Prozent der Produktion, überwiegend nach Europa.

Die Standortlogik dahinter: Der Hafen Tanger-Med bietet eine schnelle und günstige Verbindung zwischen den Werken und dem rund 15 Kilometer entfernt liegenden Europa. Hinzu kommt ein Freihandelsabkommen mit der EU, welches Zollfreiheit in die europäischen Nachbarländer sichert. Außerdem betragen die Lohnkosten etwa ein Viertel des spanischen Niveaus und liegen somit auch deutlich unter Osteuropa.

 

Gießerei-Ökosystem aus dem Nichts

Wo Fahrzeuge entstehen, folgt der Guss. CITIC Dicastal, nach Konzernangaben weltgrößter Hersteller von Aluminium-Pkw-Rädern, eröffnete 2019 und 2020 zwei Räderwerke in Kenitra, die bei Volllast zusammen sechs Millionen Räder pro Jahr fertigen, gegossen im Niederdruckguss, dem Standardverfahren der Felgenfertigung. 

Ende 2023 kam für rund 180 Millionen Euro ein drittes Werk unter dem Namen „Dika Morocco Castings“ hinzu. Diese Fabrik fertigt erstmals Gusskomponenten für Motorblöcke und Fahrwerk mit einer Anfangskapazität von fünf Millionen Teilen pro Jahr, zu 90 Prozent für den Export nach Europa und in die USA. Nach Unternehmensangaben läuft der gesamte Komplex mit grüner Energie und einer eigenen Hochspannungsstation, die Energieeffizienz sowie Versorgungssicherheit erhöhen soll.

Parallel baute der südkoreanische Konzern Hands Corporation, einer der fünf größten Räderhersteller der Welt, ab 2018 ein Werk in der Tanger Automotive City auf. Gut 400 Millionen Euro flossen in den Standort, der im Endausbau acht Millionen Räder pro Jahr liefern soll, zu 85 Prozent für den Export. Marokkos Industrieministerium erklärte das Land damit zum drittgrößten Aluminiumräder-Produzenten der Welt, eine Regierungsangabe, die sich unabhängig kaum prüfen lässt, deren Größenordnung aber für sich spricht.

 

Die chinesische Handschrift

Der Dicastal-Komplex ist nach Konzernangaben das größte Industrieprojekt seit 2016 und Teil der Neuen Seidenstraße, Chinas globalem Infrastruktur- und Handelsprogramm. Insgesamt haben chinesische Unternehmen nach Schätzungen rund zehn Milliarden US-Dollar in Marokkos Auto- und Batterieproduktion investiert oder zugesagt. Grund dafür ist unter anderem das oben bereits erwähnte marokkanische Freihandelsabkommen mit der EU, das unter bestimmten Voraussetzungen einen zollgünstigen Weg auf den europäischen Markt öffnet. 

Bemerkenswert ist auch die Richtung des Wissenstransfers. Die Erfahrungen aus dem marokkanischen Vorzeigewerk sollen nach Unternehmensangaben künftig Standorte in Mexiko, den USA, Deutschland und China anleiten. Das Vorbild für die Fabrik der Zukunft steht damit in Nordafrika, nicht mehr in Europa.

 

Erschwerter Zugang

Der Zugang zu Europa ist zuletzt allerdings unter Druck geraten, da seit 2023 EU-Antidumpingzölle (9–17,5 Prozent) auf marokkanische Alu-Räder gelten, sowie seit März 2025 zusätzlich Ausgleichszölle. Aufgrund dieser Entwicklungen pausierte CITIC bereits den Bau eines weiteren Werks in Kenitra und lenkte Mittel nach Portugal um.

Paradiesisch ist der Standort Marokko für Europa somit nicht. Auch wächst der Fachkräftemangel mit dem Tempo des Ausbaus, die Wasserknappheit gilt als immer kritischer werdender Engpass, und die lokale Zulieferbasis unterhalb der großen Werke ist noch dünn. Zudem hängt das gesamte System an zwei Autokonzernen und am Absatzmarkt Europa, dessen Nachfrage unter anderem durch die schwankende Autokonjunktur derzeit alles andere als planbar ist.

 

Das Fenster steht offen

Für die europäische Druckgussbranche ist Marokko vielleicht weniger eine Bedrohung als ein Spiegel. Das Land zeigt, dass wettbewerbsfähige, digitalisierte und emissionsarme Gießereiproduktion in unmittelbarer Nähe zu Europa möglich ist. Und der Aufbau vor Ort braucht genau das, was Europas Zulieferindustrie anbietet, von Gießmaschinen über Werkzeuge, Öfen und Wärmebehandlung bis zu Messtechnik und Ausbildung. Stellantis reserviert allein 702 Millionen Euro seiner jüngsten Investition für den Aufbau lokaler Zulieferer, und die lokale Wertschöpfungsquote soll bis 2030 von 69 auf 75 Prozent steigen. Um diese Aufträge kann sich auch Europas Industrie bewerben, als Ausrüster, Partner oder mit eigenen Standorten.

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EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
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