• 04.08.2026

Luca Greco: Chronist der Gigacasting-Welt

Wer die aktuellen Entwicklungen im Gigacasting weltweit verfolgen will, stößt früher oder später auf Luca Greco. Der 24-Jährige aus der italienischen Provinz Lombardei kam nicht als langjähriger Brancheninsider zu dem Thema, sondern als externer Beobachter, getrieben von seiner Faszination für die Technologie. Heute arbeitet er als Projektmanager in einer Druckgießerei in Italien und ist Gründer und Chefredakteur von The Gigacasting Newsletter, der sich auf großformatigen Druckguss und Magnesium-Thixomolding konzentriert.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Luca Greco vor der Kulisse von Shanghai
Recherchereisen – wie hier zur China Die Casting in Shanghai – gehören für Luca Greco dazu.

Seit 2023 verfolgt Greco kontinuierlich, was sich im Markt bewegt: Maschinenbestellungen, OEM-Strategien, chinesische Investitionen, Magnesium-Anwendungen und neue Einsatzfelder jenseits der Automobilindustrie. Seine Leser können diese Entwicklungen über seinen Newsletter und seine Datenbank verfolgen.

Was treibt jemanden an, einen derart spezialisierten Blick auf eine sich schnell wandelnde Nische aufzubauen? Was fasziniert ihn am Gigacasting? Und wie wird ein junger Rechercheur außerhalb der klassischen Branchenstrukturen zu einem anerkannten Beobachter einer der meistdiskutierten Technologien im Druckguss?

 

Von der Neugier zum Branchenbeobachter

Zum ersten Mal wurde Luca Greco 2020 auf Gigacasting aufmerksam, als Tesla die Technologie entwickelte und die ersten 6.000-Tonnen-Maschinen in Fremont installiert wurden. Damals verfolgte er Diskussionen auf Twitter und YouTube und sah sich Drohnenaufnahmen über dem Werk an. „Ich war von Anfang an fasziniert“, sagt er.

Für Greco beschränkte sich die Faszination nicht auf die schiere Größe der Maschinen. Gigacasting stand für eine Verschiebung in der Frage, wie automobile Strukturen konstruiert, produziert und industrialisiert werden können. Die Idee, viele Komponenten in großen Gussteilen zusammenzuführen, Montagekomplexität zu reduzieren und den Druckgussprozess an neue Grenzen zu führen, wurde für ihn zu einem Feld, das er in der Tiefe verstehen wollte. 

Luca Greco vor einer großen Druckgussmaschine
Ein Wendepunkt im Leben von Luca Greco: 2022 ließ sich der 20-Jährige vor der 9.000-Tonnen-Maschine von IDRA fotografieren. 

Der Besuch, der aus Interesse Recherche machte

Ein entscheidender Moment kam 2022, als der damals 20-Jährige beim Tag der offenen Tür das IDRA-Werk in Travagliato nahe Brescia besuchte. Das Unternehmen präsentierte dort seine erste 9.000-Tonnen-Maschine. Von diesem Tag an wurde aus Interesse systematische Recherche. Luca Greco begann, Maschinenbestellungen, Fahrzeugplattformen, Patente, Zuliefererinformationen, Teardown-Berichte und technische Entwicklungen genauer zu verfolgen.

Etwas mehr als ein Jahr später begann er, regelmäßig Nachrichten über Gigacasting zu veröffentlichen. Eine seiner Beobachtungen: Chinesische OEMs investierten zunehmend in die Technologie, während diese Entwicklungen im Westen kaum aufgegriffen wurden. Seine ersten Leser fand er über Social Media. Nachdem einer seiner Posts von einem reichweitenstarken YouTuber geteilt worden war, erreichte Greco seine ersten 1.000 Follower. 

 

Ein Newsletter jenseits des Algorithmus

Daraus entstand schließlich The Gigacasting Newsletter. Luca Greco wollte ein Format schaffen, das weniger abhängig von Social-Media-Algorithmen und weniger von Zuspitzung getrieben ist. Aus seiner Sicht belohnen soziale Plattformen häufig Übertreibung, während technische und pragmatische Einordnung mehr Raum braucht. Der Newsletter sollte ein Ort sein, an dem festgehalten wird, was tatsächlich passiert: in klarer Sprache, gestützt auf Zahlen und mit einer deutlichen Trennung zwischen Behauptungen und Fakten.

Mit der Zeit weitete sich der Fokus. Gigacasting blieb der Ausgangspunkt, doch Greco nahm auch angrenzende Technologien und Märkte in den Blick: das Wiedererstarken von Magnesium in China, Thixomolding und Anwendungen jenseits des Automobilsektors.

 

Zwischen Recherche, Marktanalyse und Praxis

Grecos eigener Weg passt nicht in klassische Kategorien. Er sagt offen, dass er nach Branchenmaßstäben noch wenig Erfahrung hat. Gerade das macht einen Teil seiner besonderen Perspektive aus. Er hat nicht zuerst eine Industriekarriere aufgebaut und dann den Newsletter gestartet. Es war umgekehrt: „Nicht mein beruflicher Hintergrund hat zum Newsletter geführt, sondern der Newsletter hat zu meinem beruflichen Hintergrund geführt.“

Heute verbindet Greco Recherche, Kommunikation, Marktanalyse und Praxiserfahrung. Für ihn ist Gigacasting eine Frage des Prozessanspruchs: Je mehr Eigenschaften ein Bauteil direkt durch den Gießprozess erhält und je weniger Nachbearbeitung nötig ist, desto stärker wird der industrielle Nutzen.

Für europäische Gießereien ist diese Perspektive relevant, weil sie über Gigacasting selbst hinausweist: auf Leichtbau-Strukturguss, Magnesium, Rheocasting, Thixomolding und neue Kundenindustrien.

 

Interview: „Über die allergrößten Maschinen wird mehr gesprochen, als dass sie tatsächlich eingesetzt werden.“ 

Luca, wie recherchierst du neue Maschineninstallationen, Fahrzeugplattformen oder OEM-Strategien?

Luca Greco: Es ist eine Mischung aus Open-Source-Recherche und Gesprächen. Ein großer Teil der Signale kommt aus chinesischen Quellen, weil dort ein erheblicher Teil der Aktivität stattfindet, sowie aus einem Kontaktnetzwerk entlang der Lieferkette. Genau die Menschen machen die Informationen nützlich. Natürlich ist die Ankündigung einer Giga-Maschine durch einen OEM oder Zulieferer nicht dasselbe wie eine Zelle, die Serienteile produziert. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht schlicht darin, diese Unterscheidung konsequent zu machen, damit Leser nicht durch Pressemitteilungen in die Irre geführt werden. 

Welche Rolle spielt China in deiner täglichen Recherche – und reist du selbst dorthin, um Entwicklungen, Unternehmen oder Messen aus nächster Nähe zu beobachten?

Luca Greco: China ist heute das Gravitationszentrum des Druckgusses, insbesondere beim großformatigen Guss. Der Maßstab, die Geschwindigkeit und die Freiheit, neue Prozesse auf der grünen Wiese einzuführen, ohne durch bestehende Werke ausgebremst zu werden, sind derzeit unerreicht. Man kann nicht verstehen, wohin sich diese Industrie entwickelt, ohne China zu verstehen. Deshalb ist China ein täglicher Bestandteil meiner Recherche und kein gelegentliches Thema. Ich reise auch nach China und war zuletzt auf der China Die Casting 2026 in Shanghai. 

Luca Greco mit anderen Personen auf einer Bühne
Nah an den Entscheidern im Druckguss: im März besuchte Greco den China Die Casting Congress in Wuhan. 

Wer liest deinen Newsletter: Gießereien, OEMs, Maschinenhersteller, Investoren, Beratungen oder andere Zielgruppen?

Luca Greco: Die Kernleserschaft entspricht ziemlich genau dem, was man entlang der Druckguss-Wertschöpfungskette erwarten würde: Gießereien, OEMs, Maschinenhersteller, Investoren und Beratungsfirmen. Aber die Leserschaft hat sich in eine interessante Richtung erweitert. Zunehmend lesen mich Unternehmen, die sich auch jenseits der Automobilindustrie für Druckguss interessieren, insbesondere für Magnesium und Thixomolding. Dazu gehören Start-ups aus den Bereichen humanoide Robotik, Drohnen und Low-Altitude Economy, neue Akteure im Verteidigungsbereich sowie Unternehmen aus der leichten Mobilität, die Leichtbau-Strukturguss für ihre eigenen Produkte prüfen. Diese branchenübergreifende Mischung sagt viel darüber aus, wohin sich die Technologie entwickelt. Das Publikum besteht längst nicht mehr nur aus Automobil-OEMs und ihren Zulieferern.

Wo siehst du beim Gigacasting derzeit mehr Hype als Substanz?

Luca Greco: Der größte Punkt ist die Lücke zwischen angekündigten Projekten und Maschinen, die tatsächlich laufen – insbesondere in China. Auch das Wettrüsten bei der Maschinengröße ist seiner Zeit vorausgeeilt. Derzeit scheint es ein gemeinsames Verständnis zu geben, dass für die große Mehrheit der Automobilanwendungen schlicht keine Maschinen mit mehr als 9.000 Tonnen Schließkraft erforderlich sind und dass der optimale Bereich eher bei 5.000 bis 7.000 Tonnen liegt. Über die allergrößten Maschinen wird deutlich mehr gesprochen, als dass sie tatsächlich eingesetzt werden. Ab einer bestimmten Größe gehören sie fast ausschließlich in den Bereich der Batteriewannen. Und selbst dort müssen sie sich noch als kosteneffiziente Lösung beweisen.

Was sollten europäische Gießereien aus deiner Sicht derzeit besonders genau beobachten?

Luca Greco: Zwei Dinge gleichzeitig. Erstens die Konsolidierung vieler kleiner Komponenten zu einem einzigen Gussteil durch Automobil-OEMs – nicht nur im Gigacasting, sondern grundsätzlich. Besonders gefährdet sind Gießereien, die stark von der Automobilindustrie abhängig sind und oberhalb des Maschinenbereichs von 1.500 bis 2.000 Tonnen nicht wettbewerbsfähig sind.

Zweitens, und optimistischer betrachtet, die neuen Chancen, die sich eröffnen. Humanoide Roboter, Drohnen, die Low-Altitude Economy, leichte Mobilität und Verteidigung erzeugen alle Nachfrage nach genau jener Art von Leichtbauteilen, für deren Herstellung die europäische Gießereibasis gut aufgestellt ist. Mein Rat lautet, sowohl die Kundenbasis als auch die Technologien zu diversifizieren und über Aluminium-HPDC hinaus auf Magnesium, Rheocasting und Thixomolding zu blicken.

Und noch eines möchte ich hinzufügen: Die demografische Entwicklung ist sehr besorgniserregend. Zu viele Menschen im Druckguss werden im kommenden Jahrzehnt in den Ruhestand gehen. Wir müssen die Branche dringend für junge Talente öffnen und ihnen eine Laufbahn im Druckguss attraktiv machen – an Universitäten, technischen Schulen und weiterführenden Schulen.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Autor

EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
euroguss365@nuernbergmesse.de