• 08.07.2026
  • Fachbericht

IW-Studie: Gießerei-Industrie in Deutschland ist Schlüssel für industrielle Wertschöpfung

Die deutsche Gießerei-Industrie ist gemessen an direkten Kennzahlen eine eher kleine Branche. Ihre Bedeutung ist jedoch deutlich größer, als es Beschäftigtenzahlen oder Bruttowertschöpfung vermuten lassen. Gießereien liefern wichtige Komponenten für Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektroindustrie, Metallindustrie, Bau, Reparatur und Instandhaltung. Ein weiterer Rückgang der Gussproduktion in Deutschland wäre daher ein gesamtwirtschaftliches Risiko. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der IW Consult im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Gießerei-Industrie. Auch zum Leichtmetallguss enthält sie interessante Aspekte.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Messestand auf der EUROGUSS 2026
Auf der EUROGUSS wird deutlich, welche Bedeutung die Gießereindustrie für die gesamte Wertschöpfungskette besitzt.

In Deutschland zählt die Gießerei-Industrie nach Angaben der Studie 545 Unternehmen. Dort arbeiten rund 67.700 Erwerbstätige. Sie erwirtschaften eine Bruttowertschöpfung von 4,9 Milliarden Euro und einen Produktionswert von 14 Milliarden Euro.

 

Starke Präsenz im ländlichen Raum

Die Branche ist stark mittelständisch geprägt: Rund 80 Prozent der Betriebe haben weniger als 250 Beschäftigte. Die durchschnittlichen Bruttojahreslöhne liegen mit 53.168 Euro je Erwerbstätigen deutlich über dem gesamtwirtschaftlichen Schnitt.

Auffällig ist die starke Präsenz in ländlichen Räumen: 54 Prozent der Gießerei-Beschäftigten arbeiten dort. In der Gesamtwirtschaft liegt dieser Anteil nur bei 33 Prozent. Damit sichern Gießereien industrielle Beschäftigung, Ausbildung und regionale Wertschöpfung in Räumen, in denen große industrielle Arbeitgeber nicht selbstverständlich sind.

 

Was die Studie für den Druckguss zeigt

Leichtmetall- und Buntmetallgießereien stellen zusammen 54 Prozent der Betriebsteile, 48 Prozent der Beschäftigten und 47 Prozent des Umsatzes der deutschen Gießerei-Industrie. Trotz deutlich geringerer Tonnage ist ihre wirtschaftliche Bedeutung damit fast so groß wie die des Eisengusses. Leichtmetallgießereien allein stehen laut Studie für 43 Prozent der Betriebsteile, 36 Prozent der Beschäftigten, 38 Prozent des Umsatzes und 21 Prozent der Produktionsmenge. Rund 20 Prozent der gesamten Guss-Tonnage entfallen auf Aluminiumgießereien.

Die Studie macht damit deutlich, dass industrielle Relevanz im Guss nicht allein über Gewicht und Menge zu erfassen ist, sondern über Wertschöpfung, Funktionalität und Einbindung in Kundenbranchen. Zwar weist die Studie keine eigenen Kennzahlen für den Druckguss aus, sie nennt das Verfahren aber ausdrücklich als Teil der gießereitechnologischen Vielfalt. Zugleich verweist sie darauf, dass in Großserienmärkten Standort- und Kostennachteile besonders deutlich hervortreten. Als Beispiele werden der Großserien-Druckguss und der automatisierte Sandguss genannt.

 

Automobilindustrie und Maschinenbau als wichtigste Kunden

Die Absatzstruktur zeigt, wie eng Gießereien mit zentralen Industriebranchen verbunden sind. Rund 45 bis 46 Prozent der inländischen Lieferungen gehen an die Automobilindustrie. Weitere rund 29 bis 30 Prozent entfallen auf den Maschinenbau. Hinzu kommen Elektroindustrie, Herstellung von Metallerzeugnissen, Reparatur und Installation von Maschinen und Ausrüstungen, Kfz-Instandhaltung, sonstiger Fahrzeugbau und Bauwirtschaft.

Die Autoren der Studie betonen, dass die Bedeutung der Branche nicht allein über Produktionsmengen zu erfassen ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Funktion Gussteile in den Kundenbranchen übernehmen. Viele Komponenten sind konstruktionsprägend, funktionsrelevant oder sicherheitskritisch – etwa im Antriebsstrang, im Fahrwerk, in Maschinen, Pumpen, Elektromotoren, Transformatoren, Anlagen oder Infrastrukturkomponenten.

 

Branche unter massivem Standortdruck

Gleichzeitig steht die Gießerei-Industrie unter Druck. Der preis- und saisonbereinigte Produktionsindex der Branche liegt mehr als 35 Prozent unter dem Niveau von Anfang 2018. Damit ist der Rückgang stärker als in den energieintensiven Industrien insgesamt.

Als Belastungsfaktoren nennt die Studie unter anderem die schwache Entwicklung wichtiger Kundenbranchen, insbesondere Fahrzeugbau und Maschinenbau, strukturelle Veränderungen in der Automobilindustrie, hohe Energie- und Arbeitskosten, regulatorische Unsicherheit, Bürokratie sowie wachsenden Importdruck. In einigen Marktsegmenten verschärfen zudem internationale Überkapazitäten den Preis- und Wettbewerbsdruck.

Auch der Außenhandel deutet auf eine Verschiebung hin. Deutschland exportiert weiterhin komplexe und höherwertige Gussprodukte, zugleich werden standardisierte und weniger komplexe Produkte zunehmend aus dem Ausland bezogen. Das bedeutet: Die deutsche Gießerei-Industrie bleibt in anspruchsvollen Segmenten wettbewerbsfähig, verliert aber an Boden.

 

Der eigentliche Fußabdruck ist deutlich größer

Die direkten Kennzahlen bilden die volkswirtschaftliche Bedeutung der Gießerei-Industrie nur unvollständig ab. Rechnet man indirekte Effekte bei Zulieferern und induzierte Effekte durch Konsumausgaben hinzu, ergibt sich ein deutlich größerer ökonomischer Fußabdruck.

Nach Berechnung der IW Consult steht die Branche direkt, indirekt und induziert für rund 125.000 Arbeitsplätze, 10,3 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und 26 Milliarden Euro Produktionswert. Auf jeden direkten Arbeitsplatz in einer Gießerei kommen damit rechnerisch 0,85 weitere Arbeitsplätze außerhalb der Branche. Pro Euro direkter Wertschöpfung werden 1,10 Euro zusätzliche Wertschöpfung in anderen Wirtschaftsbereichen angestoßen.

Es profitieren vorgelagerte Branchen wie die Herstellung von Metallerzeugnissen, Energieversorgung, Großhandel, Beratung, Abfallentsorgung, Informationsdienstleistungen sowie Reparatur und Installation von Maschinen und Ausrüstungen.
 

Portrait von Dr. Martin Theuringer
Dr. Martin Theuringer, Hauptgeschäftsführer des BDG

„Die Studie macht deutlich: Die Zukunft der Industrie entscheidet sich nicht nur bei den Endprodukten, sondern auch in den Wertschöpfungsstufen davor“, erklärt dazu Dr. Martin Theuringer, Hauptgeschäftsführer des BDG. Wer industrielle Wertschöpfung, Resilienz und Transformation in Deutschland sichern will, muss die Gießerei-Industrie als strategische Schlüsselbranche stärken und ihr wieder wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen ermöglichen.“

Millionen Arbeitsplätze hängen an gussintensiven Wertschöpfungsketten

Ebenso groß ist die Bedeutung in den nachgelagerten Kundenbranchen. Die Studie identifiziert ein Kundennetzwerk, zu dem unter anderem Teile der Automobilindustrie, des Maschinenbaus, der Elektroindustrie, der Metallindustrie, des Bauwesens sowie reparatur- und instandhaltungsnahe Branchen gehören.

Es umfasst 3,85 Millionen Arbeitsplätze und 428 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung. Das entspricht 36 Prozent der industriellen Beschäftigung und 38 Prozent der industriellen Wertschöpfung in Deutschland. Die Studie formuliert daraus einen starken Hebel: Ein Euro Wertschöpfung in der Gießerei-Industrie ermöglicht rechnerisch 87 Euro Wertschöpfung in gussintensiven Kundenbranchen. Ein Arbeitsplatz in der Gießerei-Industrie trägt im Durchschnitt zu 57 Arbeitsplätzen im gussintensiven Kundennetzwerk bei.

 

Viele Gussteile sind schwer ersetzbar

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die begrenzte Substituierbarkeit deutscher Gussteile. Rund drei Viertel der befragten gussverwendenden Unternehmen geben an, dass die heute aus Deutschland bezogenen Gussteile nur eingeschränkt oder gar nicht durch andere Bezugsquellen oder alternative Materialien ersetzt werden können.

58 Prozent der Unternehmen erwarten bei einem Rückgang der inländischen Gussproduktion Einschränkungen ihrer Produktionskapazitäten in Deutschland. Besonders stark ist diese Abhängigkeit in der Metallindustrie sowie bei kleinen und mittleren Unternehmen ausgeprägt.

 

Ein Rückgang hätte Folgen weit über die Branche hinaus

Welche Risiken daraus entstehen können, zeigt ein Negativszenario der Studie. Untersucht wurde, welche Folgen ein Rückgang der inländischen Gussproduktion um 50 Prozent hätte. Das Ergebnis: Die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung würde um rund 65 Milliarden Euro sinken. Rund 588.000 Arbeitsplätze gingen verloren.

Umgekehrt zeigt die Studie: Würde Deutschland seine Industriequote wieder auf das Niveau von 2018 heben, ergäben sich gesamtwirtschaftlich 139 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung und 1,28 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze. Für die Gießerei-Industrie selbst entspräche dies einem Plus von 0,87 Milliarden Euro Wertschöpfung und rund 12.000 Arbeitsplätzen.

Die Studie macht deutlich: Die Gießerei-Industrie ist ein industrieller Ermöglicher. Gehen Gusskapazitäten und gießereitechnologisches Know-how am Standort Deutschland verloren, entstehen nicht nur Lücken in einzelnen Lieferketten, sondern es droht eine Schwächung ganzer industrieller Produktionsverbünde.
 

Autor

EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
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