Für eine hohe Reproduzierbarkeit kommt es vor allem auf die Geometrien an, also auf das Bauteil selbst, den Gasinjektionskanal und die Nebenkavität. Wichtig ist jedoch auch der Injektionszeitpunkt im Zusammenspiel mit der gesteuerten Öffnung der Nebenkavität. Darüber hinaus beeinflussen Gasdruck, Gasmenge beziehungsweise Druckverlauf, Werkzeugtemperatur und der Erstarrungszustand der Schmelze maßgeblich die Prozessstabilität.
An der Technologie wird bereits seit über zehn Jahren geforscht. Welche Probleme mussten Sie lösen, um das Verfahren in der Praxis einsatzbereit zu machen?
Damian Föllmi: Die Grundidee stammt aus dem Kunststoffspritzguss, wo die Gasinnendrucktechnik seit Langem etabliert ist. Die Hochschule Aalen und TiK haben diesen Ansatz aufgegriffen und in den Druckguss überführt. Die eigentliche Herausforderung lag darin, das Prinzip auf metallische Schmelzen zu übertragen. Im Aluminiumdruckguss herrschen deutlich höhere Temperaturen als im Kunststoffspritzguss, dazu kommen sehr kurze Prozesszeiten, hohe Drücke, eine rasch fortschreitende Erstarrung und insgesamt eine rauere Produktionsumgebung.
Für den Weg zur Serienreife mussten wir deshalb an mehreren Punkten gleichzeitig ansetzen. Wir brauchten zuverlässige sowie langlebige Anlagen- und Werkzeugkomponenten, dazu passende Bauteil- und Werkzeuggeometrien sowie stabile Prozessparameter, damit Bauteilqualität und Reproduzierbarkeit stimmen. Am wichtigsten war die Auslegung von Bauteil und Werkzeug. Wir haben schnell gemerkt, dass sich die Technologie nicht einfach in ein bestehendes Bauteil einbauen lässt. Man muss das Bauteil gezielt für die Gasinjektion entwickeln, und auch Werkzeuggeometrie und Werkzeugtemperierung gehören von Anfang an dazu. Erst wenn alle Einflussgrößen konsequent aufeinander abgestimmt sind, entstehen reproduzierbare Bauteile in der geforderten Qualität. Heute haben wir das Verfahren an Demonstrator- und Prototypbauteilen validiert, es ist grundsätzlich serienreif. Der nächste entscheidende Schritt ist die Umsetzung in einem konkreten Kundenprojekt.
Die Anlagentechnik sowie spezielle Werkzeugkomponenten hat übrigens die Firma TiK, also Technologie in Kunststoff, im Rahmen des EU-geförderten Projekts MAGIT entwickelt. MAGIT steht für Magnesium und Aluminium Gas-Injektions-Technologie und ist auch der Name, unter dem TiK die Technologie heute vertreibt. Beteiligt an dem Projekt war ein europäisches Konsortium aus der Hochschule Aalen, TiK, Surtechno und uns, also ALUWAG.
Welche Teile lassen sich durch diesen Prozess verbessern oder überhaupt erst herstellen?
Damian Föllmi: Das Gasinjektionsverfahren eignet sich für Druckgussteile, in die man nicht entformbare Hohlkanäle direkt integrieren möchte. Vor allem medienführende Kanäle sind ein zentrales Anwendungsfeld, zum Beispiel integrierte Kühl- oder Ölkanäle in Gehäusen für die Leistungselektronik, aber auch in Komponenten von Elektromotoren und Getrieben sowie möglicherweise in Batterie- oder Thermomanagementbauteilen. Ein weiterer Einsatzbereich ist die gezielte Verwendung von Hohlräumen zur Gewichtsreduktion. So lassen sich auch dickwandige Bauteilbereiche funktionsgerecht auslegen, ohne das gesamte Volumen massiv ausgießen zu müssen.
Im Allgemeinen liegt der wesentliche Vorteil in der Funktionsintegration. Baugruppen, die bisher aus einem Gussteil, einem Deckel, Dichtungen und Verbindungselementen bestehen, können wir unter bestimmten Voraussetzungen durch ein einziges Druckgussteil ersetzen. Damit entfallen Bearbeitungs-, Füge-, Dicht- und Montageprozesse. Gleichzeitig ermöglicht das Verfahren Hohlkanäle mit Umlenkungen, die sich mit konventionellen Schiebern und Kernstiften im Druckgusswerkzeug gar nicht entformen lassen.
Neben der Machbarkeit zählt am Ende auch die Wirtschaftlichkeit. Wann ist die Gasinjektion der bessere Weg als etablierte Alternativen?
Damian Föllmi: Richtig interessant wird es wirtschaftlich, wenn wir bisher montierte oder gefügte Baugruppen durch die Gasinjektion ersetzen können. Zum Beispiel bei einem Gussteil, dessen Kühlkanal bisher über ein rührreibgeschweißtes Blech entsteht. Hier erwarten wir über den gesamten Lebenszyklus einen Kostenvorteil von etwa 15 bis 20 Prozent, die Werkzeugamortisation eingerechnet.
Welche Hohlraumgeometrien von Bauteilen sind mit der Gasinjektion heute schon möglich?
Damian Föllmi: Wir haben bereits mehrere verschiedene Hohlraumgeometrien umgesetzt und gefertigt, die sich alle in Länge, Querschnitt, Querschnittsverlauf und ihren Umlenkungen unterscheiden. Grundsätzlich erreichen wir Kanallängen von bis zu 2,5 Metern. Noch längere Kanäle haben wir bisher nicht untersucht.
Die Querschnitte führen wir idealerweise rund aus, ovale oder flache Geometrien sind aber ebenfalls möglich. Sehr gute Ergebnisse haben wir erzielt, wenn der Kanalquerschnitt einen lichten Durchmesser von mindestens 10 und maximal 50 Millimetern aufweist. Bei Querschnitts- und Richtungsänderungen achten wir immer auf möglichst strömungsgünstige Übergänge. Solange die Änderungen der Kanalgeometrie nicht zu abrupt werden, sind Umlenkungen mit Richtungsänderungen von bis zu 180 Grad machbar.