Während die öffentliche Diskussion über Humanoide Robotik meist von Künstlicher Intelligenz und Software geprägt wird, richtet Prof. Dr. Tobias Weiser, der Director des Institute of Applied AI and Robotics (IKR), den Blick auf die industrielle Wertschöpfung dahinter. Im Gespräch mit Johannes Messer erläutert der Robotik- und KI-Experte, welche Chancen sich für Druckgussteile ergeben, welche Bauteile künftig gefragt sein könnten und warum europäische Gießereien bereits heute die Weichen stellen sollten.
Die Diskussion wird auch Teil des EUROGUSS Executive Circle im Juli 2026 sein. Dort leitet Weiser den Executive Dialogue „Beyond Automotive Growth: Industrial Humanoids“, in dem Führungskräfte der europäischen Druckgussindustrie über neue Wachstumsfelder jenseits klassischer Automotive-Anwendungen sowie über die Auswirkungen von Robotik und KI auf Produkte und Produktionsprozesse diskutieren werden.
Johannes Messer: Entsteht die Führungsrolle in der humanoiden Robotik aktuell in den USA und Asien – und läuft Europa Gefahr, den Anschluss zu verlieren?
Tobias Weiser: In der von Morgan Stanley analysierten Humanoid-Value-Chain liegt der Schwerpunkt klar in Asien: Rund 73 Prozent der identifizierten Unternehmen kommen aus Asien, Europa liegt bei etwa 12 Prozent. Das ist kein Beweis für technologische Unterlegenheit Europas – aber ein klares Signal, dass Plattformen, Lieferketten und Skalierungslogiken derzeit außerhalb Europas definiert werden. Europa besitzt die Technologie, die Fertigungskompetenz und die Qualitätssysteme – aber noch keine koordinierte Antwort.
Die entscheidende Frage ist nicht, wer den intelligentesten Humanoiden baut, sondern wer ihn mit industrietauglichen Komponenten auf Skala bringt. Wer hier erst reagiert, wenn die ersten Serienanfragen kommen, ist zu spät – denn dann sind Bauteile, Materialien und Entwicklungspartner meist bereits festgelegt.
Johannes Messer: Welche konkreten Chancen ergeben sich für Aluminium- und Magnesiumgussteile – insbesondere mit Blick auf Bauteile, Anwendungen und zukünftige Stückzahlen?
Tobias Weiser: Ein humanoider Roboter kann – je nach Architektur – 20 bis 40 potenziell gießbare Struktur- und Funktionsbauteile enthalten: Tragstrukturen, Gelenkgehäuse, thermisch integrierte Motorgehäuse oder Schnittstellenkomponenten. Goldman Sachs erwartet bis 2035 bis zu 1,4 Millionen humanoide Roboter und ein globales Marktvolumen von 38 Milliarden Dollar.
Schon bei konservativen Stückzahlszenarien entstehen daraus Bauteilvolumina, die für europäische Gießereien strategisch relevant werden können. Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Strukturbauteile sind heute fertigbar – und wo beginnt der Investitionsbedarf? Wer das jetzt klar beantwortet, wird Entwicklungspartner. Wer wartet, bleibt Lieferant.
Johannes Messer: Wo liegt der größte realistische Hebel für den Einsatz humanoider Robotik in der Gießerei – Produktivität, Qualität oder Flexibilität?
Tobias Weiser: Humanoide Roboter werden mittelfristig auch in Gießereien Einzug halten – zunächst in strukturierten Teilprozessen wie Materialhandling, Sichtprüfung und flexibler Maschinenbedienung. Der Einsatz im Hochtemperaturumfeld ist ein langfristiges Ziel; heute leisten das spezialisierte Industrieroboter deutlich robuster. Foundry-taugliche humanoide Systeme existieren noch nicht. Aber genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt: Humanoide Roboter brauchen strukturierte, datenreiche und sicher beherrschbare Umgebungen. Wer heute diese Voraussetzungen schafft, wird morgen deploymentfähig sein.
Johannes Messer: Was müssen Entscheider jetzt konkret tun, damit europäische Gießereien nicht nur Zuschauer bleiben?
Tobias Weiser: Damit europäische Gießereien nicht nur Zuschauer bleiben, müssen Entscheider jetzt vier Dinge tun: Erstens das eigene Bauteilportfolio gegen die Strukturanforderungen humanoider Roboter prüfen. Zweitens Engineering-Kontakte zu Robotikunternehmen aufbauen – nicht erst über den Vertrieb, sondern früh in der Entwicklung. Drittens Co-Development-Piloten für ausgewählte Bauteile starten. Viertens gemeinsam mit anderen europäischen Gießereien die kritische Masse schaffen, die für Gespräche auf Augenhöhe mit globalen OEMs notwendig ist.


