• 18.06.2026
  • EUROGUSS Executive Circle
  • Interview

Prof. Dr. Min Chen: „Die europäische Industrie verliert gegen ihre eigene Langsamkeit“

China hat die internationale Automobil- und Aluminiumdruckgussindustrie in den vergangenen Jahren spürbar verändert: durch Geschwindigkeit, Skalierung und die schnelle industrielle Anwendung neuer Technologien. Was bedeutet das für Europa? Im Executive Interview mit Johannes Messer erläutert Prof. Dr. Min Chen, wie europäische Druckgießer ihre technologische Stärke in globale Wettbewerbsfähigkeit übersetzen können.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Porträt von Prof. Dr. Min Chen, der freundlich in die Kamera blickt.

Prof. Dr. Min Chen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit internationalem Management, Technologietransfer und industriellen Wertschöpfungsketten. Auch mit der Druckgussindustrie ist er seit langem verbunden – unter anderem durch seine Arbeit für JLFrench sowie durch Beratungsmandate im HPDC-Umfeld.

Beim EUROGUSS Executive Circle am 1. Juli 2026 in Paris wird Chen Teil des Panels „Europe in the HPDC Game: How to Win the Race“ sein. Im Mittelpunkt stehen die Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen HPDC-Markt, die künftige Rolle europäischer Unternehmen in der Wertschöpfungskette sowie Innovationen wie Megacasting, Digitalisierung, neue Materialien und Prozesse.

Johannes Messer: Welche strukturellen Unterschiede sehen Sie heute zwischen China und Europa?

Min Chen: Neben dem Unternehmergeist chinesischer Unternehmen darf die Rolle des chinesischen Staates auf verschiedenen Ebenen nicht außer Acht gelassen werden. Kapitalförderung, Steuervorteile, günstige Energie, preiswerte Industrieflächen, lokale Schutzmechanismen und die regionale Konzentration bestimmter Industrien haben es vielen Unternehmen ermöglicht, schnell zu wachsen und Risiken einzugehen, die europäische Unternehmen unter normalen Umständen kaum eingehen würden.

Johannes Messer: Wie zeigt sich das?

Min Chen: Chinesische Akteure investieren häufig in teure Maschinen, selbst wenn noch keine konkreten Aufträge vorliegen. Sie nennen das: „Das Nest bauen, um den Phönix anzulocken.“ Für viele europäische Zulieferer ist ein solcher Kapitaleinsatz kaum möglich. Hinzu kommt, dass sie deutlich schneller handeln: Selbst wenn Produktionsprozesse – und damit auch Umsetzung und Qualität – noch nicht vollständig ausgereift sind, gehen chinesische Unternehmen häufig das Risiko ein, Aufträge umzusetzen. Sie sagen: Kämpfen lernt man, indem man tatsächlich kämpft.

Chinesische Unternehmen verfügen außerdem über effizientere Netzwerke und profitieren von umfassenden Lieferketten für Komponenten und Vorprodukte. Ein weiterer Vorteil ist der Zugang zu vergleichsweise günstigen Rohstoffen. China ist der weltweit größte Produzent und Verbraucher von Aluminium. Gleichzeitig holen chinesische OEMs Strukturbauteile zunehmend ins eigene Unternehmen. Dadurch wird der Handlungsspielraum für Tier-1-Zulieferer kleiner. Strategisch dürfte dieser Trend deutlich größere Auswirkungen haben als der reine Preiswettbewerb.

Johannes Messer: Lange galt China als Markt, der westliche Technologien übernimmt. Ist dieses Bild noch zutreffend?

Min Chen: Die Arbeitsmoral chinesischer Beschäftigter ist sehr hoch ausgeprägt, da sowohl Angestellte als auch Produktionsmitarbeiter bereit sind, lange Arbeitszeiten für ein höheres Einkommen in Kauf zu nehmen. Chinesische Unternehmen entwickeln sich zudem sehr schnell vom Lernenden zum Innovator. Sie sind längst keine bloßen Nachahmer mehr. Technologien wie Gigacasting, Thixomoulding oder Rheocasting werden schneller umgesetzt und genutzt. Gleichzeitig entstehen neue Innovationen, etwa im Bereich des elektromagnetischen Thermomanagements, wie beispielsweise bei Huawei.

Johannes Messer: Wo kann Europas Aluminiumgießereiindustrie von den Erfahrungen und der Dynamik des chinesischen Marktes lernen?

Min Chen: Viele chinesische Unternehmen konzentrieren sich stärker auf Produktionseffizienz als auf Service Excellence. Ihre Preisstrategien führen zu einem ruinösen Wettbewerb in der Branche. Europa sollte vermeiden, die Überkapazitäten zu übernehmen, die inzwischen die Margen vieler chinesischer Unternehmen zerstören – das wäre alter Hochmut unter neuer Flagge.

Chinesische Druckgießer haben auch strukturelle Schwächen. Einige sind stark fremdfinanziert, arbeiten aufgrund des überhitzten Wettbewerbs mit extrem geringen Margen und spüren die Folgen zu schnellen Wachstums. Sobald die Konjunktur abschwächt, rechne ich damit, dass einige dieser Unternehmen von stärkeren Akteuren übernommen werden. Für europäische Unternehmen könnte dies zugleich Chancen eröffnen, ihre internationale Präsenz auszubauen und sich zu wirklich globalen Wettbewerbern zu entwickeln – zu vergleichsweise geringeren Kosten.

Auch bei der Internationalisierung bestehen weiterhin Schwächen. Manche Unternehmen versuchen beispielsweise, ihre „996-Kultur“ – also Arbeit von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends an sechs Tagen pro Woche – nach Europa zu übertragen, insbesondere nach Osteuropa. Das verschärft die Arbeitsbedingungen.

Entscheidend sind vielmehr die enge Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten sowie hohe Geschwindigkeit. Das traditionelle europäische Modell mit klarer Distanz zwischen Auftraggeber und Zulieferer, Build-to-Print-Ansätzen und langen Entwicklungszyklen ist für die Zukunft der Mobilität zu langsam. Europäische Unternehmen müssen früher in echte Co-Development-Prozesse einsteigen. Da China sowohl der größte Markt als auch eine bedeutende Quelle von Know-how ist, könnten einige höherwertige Aktivitäten wie Forschung und Entwicklung teilweise nach China verlagert werden – wie es Renault beispielsweise beim Twingo getan hat.

Johannes Messer: Wie bewerten Sie Megacasting: als echte Revolution oder eher als nächsten Entwicklungsschritt?

Min Chen: Jede Generation erlebt ihre eigene technologische „Revolution“, die sich am Ende häufig eher als Evolution erweist. Megacasting sollte man mit derselben Nüchternheit betrachten. Die Giga Press basiert auf europäischer Ingenieurskunst, wurde von Tesla industrialisiert und anschließend von Unternehmen wie NIO, Geely oder XPeng konsequent aufgegriffen.

Johannes Messer: Was bedeutet diese Entwicklung für Zulieferer?

Min Chen: Für Zulieferer ist weniger die Technologie selbst entscheidend als ihre Auswirkungen auf die Wertschöpfung. Wenn Dutzende geschweißte Komponenten durch ein einziges Gussteil ersetzt werden, verschieben sich Verantwortlichkeiten und Entscheidungsrechte. Wer das Gussteil besitzt, besitzt die Struktur. Holt der OEM die Technologie ins eigene Unternehmen, verliert der Zulieferer schlicht das Geschäft. Das ist die strategische Frage auf Vorstandsebene – nicht die Metallurgie.

In China sind derzeit mehr als 90 Druckgusszellen mit Schließkräften von über 6.000 Tonnen für großformatige Strukturanwendungen installiert. Allerdings produzieren weniger als 50 Prozent davon aktuell in Serie. Deshalb würde ich bei Investitionen in Maschinen mit Schließkräften von mehr als 4.000 Tonnen zur Vorsicht raten, sofern keine langfristigen Zusagen von OEM-Kunden vorliegen.

Johannes Messer: Welche Technologien sollten europäische Druckgießer neben Megacasting besonders im Blick behalten?

Min Chen: Betrachtet man einzelne Technologien genauer, erscheint Thixomoulding interessant. Mittelfristig könnte das Verfahren auch für Aluminium wirtschaftlich werden. Gelingt dies, könnten europäische Druckgießer einen erheblichen Wettbewerbsvorteil erzielen. Auch Rheocasting dürfte relevant bleiben, wenn auch zunächst eher in Nischenanwendungen. Darüber hinaus sollten neue Ansätze wie die elektromagnetische Temperaturregelung genauer beobachtet werden.

Kurz gesagt: Im Gießprozess gibt es weiterhin viel zu tun. Dazu zählen wärmebehandlungsfreie Strukturlegierungen, Vakuumdruckguss, die Verbindung von Gussstrukturen mit Batteriearchitekturen sowie Simulationsmethoden, die Entwicklungszeiten verkürzen. Gleichzeitig besteht weiterer Verbesserungsbedarf bei OEE und thermischen Prozessen, deren Schwankungen immer wieder Herausforderungen verursachen.

Johannes Messer: Welche Rolle nimmt China heute in der internationalen Druckgussindustrie ein?

Min Chen: China setzt heute nicht mehr nur Technologien anderer Länder um; das Land treibt deren Anwendung in bislang unerreichtem Maßstab voran. China ist eine dominierende Kraft beim Megacasting für Elektrofahrzeuge und beherbergt führende Hersteller von ultragroßen Druckgussmaschinen – eine zentrale Voraussetzung für diese Technologie.

Abhängig von der künftigen Industriepolitik der EU dürften weitere chinesische Unternehmen Interesse an Produktionsstandorten in Europa entwickeln, insbesondere in Osteuropa. Auch wenn sie es vielleicht nicht gerne zugeben: Für den Erfolg ihrer dortigen Aktivitäten brauchen sie europäische Partner.

Johannes Messer: Wenn Sie Europa aus chinesischer Perspektive betrachten: Welche strategischen Prioritäten sollte die europäische Aluminiumgießereiindustrie jetzt setzen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben?

Min Chen: Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Europa ist ein reifer Markt mit großer technologischer Kompetenz, leistungsfähigen Fähigkeiten und guter Infrastruktur. In der Aluminiumgießerei verfügt Europa über Organisationen, die bei Gießprozessen und Werkzeugtechnologien führend sind.

Osteuropa bietet sehr wettbewerbsfähige Kostenstrukturen, gut ausgebildete Fachkräfte und Zugang zu einem großen Markt. Die Gießereiindustrie kann davon profitieren, da viele Druckgussteile nicht wirtschaftlich über lange und risikobehaftete Lieferketten transportiert werden können.

Fragt man chinesische Unternehmen, wie sie Europa wahrnehmen, beschreiben sie es weiterhin als technologisch hervorragend, aber auch als langsam, teuer und durch Regulierung vorsichtig geworden.

Johannes Messer: Was schlussfolgern Sie daraus?

Min Chen: Daraus ergeben sich aus meiner Sicht drei Prioritäten. Erstens: die Kostenbasis und vor allem die Energieversorgung. Für Zulieferer ist dies eine Frage des Überlebens. Höhere Energiekosten lassen sich nur schwer an OEMs weitergeben. Hinzu kommt das Risiko, dass der Carbon Border Adjustment Mechanism, kurz CBAM, der ab 2026 schrittweise eingeführt wird, die europäische Transformation belastet, während importierte Endprodukte kaum betroffen sind – er schützt den Schmelzbetrieb, nicht den Zulieferer. Wettbewerbsfähige und langfristig verfügbare Energie muss daher oberste Priorität haben.

Zweitens: die Neupositionierung in der Wertschöpfungskette. Europäische Unternehmen sollten sich vom klassischen Build-to-Print-Zulieferer zum Systemintegrator und Co-Developer entwickeln. Wer die Strukturfunktion eines Gussteils besitzt, bevor der OEM sie ins eigene Unternehmen holt, sichert sich die verteidigungsfähigen Margen.

Drittens: internationale Präsenz und Partnerschaften. Europa sollte nach dem Prinzip „in China für China“ denken und chinesische Skaleneffekte sowie Technologien selektiv nutzen, statt so zu tun, als könne es sich abschotten. Gleichzeitig sollte öffentliche Unterstützung in Europa an Kompetenzen und geistiges Eigentum gebunden werden, die hier verbleiben. Europa kann von Pekings Erfahrung in der Industriepolitik lernen. Die europäische Industriepolitik ist sehr langsam darin, lokale Akteure rechtzeitig bei notwendigen Anpassungen zu unterstützen.

Johannes Messer: Worin liegt aus Ihrer Sicht die größte Gefahr für die europäische Industrie?

Min Chen: Meiner Erfahrung nach verliert die europäische Industrie nicht gegen eine einzelne Technologie oder einen einzelnen Wettbewerber. Sie verliert gegen ihre eigene Langsamkeit, gegen den Komfort vergangener Erfolge und gegen ein äußerst arbeitnehmerfreundliches politisches Umfeld. Die eigentliche Gefahr besteht darin, als Gesamtsystem schneller integriert und überholt zu werden.

„From Regional Excellence to Global Relevance“ ist die richtige Ambition. Sie fordert europäische Zulieferer auf, nicht länger wie regionale Anbieter zu agieren, sondern sich zu globalen Systempartnern zu entwickeln: schnell, finanziert und mit gesicherter Energieversorgung. Man hat bereits erlebt, dass sich diese Branche neu erfinden kann. Sie kann es wieder tun – aber nicht in dem Tempo, in dem sie sich heute bewegt.

Anmeldung für EUROGUSS Executive Circle den 1. – 2. Juli 2026 in Paris möglich

Der nächste EUROGUSS Executive Circle findet am 1. und 2. Juli 2026 im Château de Guermantes nahe Paris statt. Die Veranstaltung richtet sich exklusiv an C-Level-Entscheider der europäischen Druckguss-Wertschöpfungskette. Weitere Informationen zum Programm sowie zur Teilnahme finden Interessierte auf der Website des Executive Circle: https://www.euroguss.de/de-de/events-programm/executive-circle
 

Château de Guermantes

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EUROGUSS 365
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