• 16.06.2026
  • EUROGUSS Executive Circle
  • Interview

Erfolg durch Weiterentwicklung: vom Lohnfertiger zum Innovationspartner

Europäische Aluminiumgießereien stehen unter hohem Kosten-, Innovations- und Transformationsdruck. Gleichzeitig verändern Gigacasting, Elektrifizierung, neue Werkstoffe und die stärkere Verzahnung von Entwicklung, Guss, Bearbeitung und Montage deren Rolle in der automobilen Wertschöpfungskette. Dirk Seckler, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting, erläutert im Executive Interview mit Johannes Messer, warum der klassische Komponentenlieferant an Bedeutung verliert – und weshalb die Zukunft der Branche im Co-Engineering, in Built-to-Spec-Lösungen und einer klaren technologischen Positionierung liegt.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Schwarzweiß Portrait von Dirk Seckler

Besondere Aufmerksamkeit erhielt Handtmann durch den Einstieg in das Thema Giga Casting als erste europäische Tier-1-Gießerei sowie durch die Vorstellung eines neu entwickelten Aluminium Druckguss-Rades auf der EUROGUSS 2026. Gleichzeitig verbindet das Unternehmen europäische Produktionskompetenz mit internationaler Erfahrung – unter anderem durch einen Standort in China. 

Beim EUROGUSS Executive Circle 2026 in Paris wird Dirk Seckler an der Panel Discussion „Europe in the Global HPDC Game – Specialization or Loss of Relevance?“ teilnehmen. Im Vorfeld spricht er über europäischen Wettbewerbsdruck, neue Rollenbilder für Gießereien und die Frage, was technologisch, organisatorisch und industriepolitisch passieren muss, damit Europa im globalen HPDC-Spiel relevant bleibt.

Johannes Messer: Europäische Aluminiumgießereien stehen gleichzeitig unter Kosten-, Innovations- und Transformationsdruck. Wo erleben Sie aktuell den größten Veränderungsdruck im operativen Geschäft – und welche Entscheidungen müssen Gießereien heute anders treffen als noch vor fünf Jahren?
 

Portrait von Dirk Seckler
Dirk Seckler, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting

Dirk Seckler: Der Veränderungsdruck ist aktuell deshalb so hoch, weil mehrere Entwicklungen gleichzeitig wirken. Auf der einen Seite haben wir einen stagnierenden oder rückläufigen Automobilmarkt in Europa und einen hohen Preis- und Wettbewerbsdruck, insbesondere im klassischen Built-to-Print Geschäft. Auf der anderen Seite steigen die technologischen Anforderungen deutlich, etwa durch Elektrifizierung, Funktionsintegration und neue Fertigungskonzepte.

Das führt dazu, dass sich der Fokus im operativen Geschäft verschiebt. Es geht nicht mehr nur um die effiziente Produktion einzelner Bauteile, sondern um ein Verständnis der gesamten Wertschöpfung und der späteren Anwendung im Fahrzeug. Gleichzeitig entstehen daraus auch neue Potenziale in der Anwendung, etwa durch die Weiterentwicklung bestehender Bauteile und Prozesse.

Zusätzlich bewegt sich die Branche in einem klaren Spannungsfeld. Europäische Anbieter stehen für Qualität und Prozessstabilität, haben aber gleichzeitig strukturelle Kostennachteile, zum Beispiel durch Energiepreise und regulatorische Anforderungen.

Der wesentliche Unterschied zu vor fünf Jahren liegt in der Art der Entscheidungen. Früher stand die Optimierung bestehender Prozesse im Vordergrund. Heute geht es um strategische Weichenstellungen. Investitionen in Technologien, Kompetenzen und Anwendungen sowie in neue Geschäftsmodelle müssen frühzeitig erfolgen. Erfolgreiche Gießereien entwickeln sich deshalb klar weiter, weg vom reinen Lohnfertiger hin zum Innovationspartner, der Lösungen mitgestaltet und Verantwortung übernimmt.

Johannes Messer: Mit Themen wie Gigacasting, neuen Werkstoffen und der stärkeren Verzahnung von Entwicklung, Guss, Bearbeitung und Montage verändert sich das Geschäftsmodell vieler Aluminiumgießereien grundlegend. Wie wird sich die Rolle der europäischen Aluminiumgießerei in der Wertschöpfungskette der Automobilindustrie in den kommenden Jahren verändern?

Dirk Seckler: Die Rolle der Gießerei verändert sich derzeit grundlegend. Der klassische Komponentenlieferant verliert an Bedeutung, weil Differenzierung über einzelne Bauteile immer schwieriger wird, vor allem bei hohem Kostendruck im globalen Wettbewerb. Gerade in standardisierten Bereichen sehen wir hier starke Konkurrenz aus Asien.

Gleichzeitig entstehen neue Chancen. Durch die gezielte Substitution bestehender Bauteile und Werkstoffe verschiebt sich der Fokus zunehmend von Built-to-Print- hin zu Built-to-Spec-Lösungen. Bestehende Bauteile aus Stahl, Kunststoff oder anderen Fertigungsverfahren werden dabei zunehmend in Druckgusslösungen überführt. Das eröffnet für den Aluminiumdruckguss zusätzliche Potenziale und stärkt langfristig die Auslastung in der Branche.

Der Mehrwert entsteht deshalb zunehmend über die Fähigkeit, Systeme ganzheitlich zu denken und umzusetzen. Damit übernehmen Gießereien eine aktivere Rolle in der Entwicklung und Auslegung von Komponenten und Systemen.

Johannes Messer: Welchen Einfluss hat das Gigacasting dabei?

Dirk Seckler: Technologien wie Gigacasting treiben diese Entwicklung weiter. Bauteile werden stärker integriert, Prozesse greifen ineinander und Entscheidungen in der Konstruktion haben direkte Auswirkungen auf Fertigung und Folgeprozesse.

Damit verändern sich auch die Anforderungen an die Gießereien selbst. Engineering-Kompetenz, Simulationswissen und ein tiefes Verständnis für die Anwendung werden entscheidend. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, diese Konzepte stabil, skalierbar und wirtschaftlich in die Serie zu bringen.

Gigacasting-Anlage bei Handtmann
Gigacasting-Anlage bei Handtmann

Die Gießerei wird früher in Projekte eingebunden und agiert als Co-Engineering-Partner. Entscheidungen über Design, Material und Fertigung werden gemeinsam mit dem Kunden getroffen und Gießereien werden aktiv an Entwicklung und Industrialisierung kompletter, automatisierter Lösungen beteiligt sein. Langfristig entsteht ein klares Rollenbild, das Handtmann in seiner Ausrichtung als 360°-Lösungspartner bereits konsequent verfolgt und aktiv gestaltet.

Johannes Messer: Europa steht zwischen Transformation, regulatorischen Anforderungen und wachsendem globalem Wettbewerbsdruck. Was muss aus Ihrer Sicht jetzt konkret passieren – technologisch, organisatorisch und industriepolitisch – damit die europäische Aluminiumgießereiindustrie im globalen Wettbewerb bestehen kann?

Dirk Seckler: Europa wird seine Position im globalen Wettbewerb nur halten können, wenn es konsequent auf Innovation in Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen setzt. Das ist die zentrale Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Branche.

Technologisch geht es darum, den Wandel aktiv zu gestalten. Themen wie Gigacasting, Leichtbau, Werkstoffentwicklung und automatisierte Fertigung sind zentrale Hebel. Entscheidend ist dabei die Umsetzung. Innovation muss schnell, stabil und wirtschaftlich in die Serie überführt werden.

Organisatorisch braucht es klare Schwerpunkte. Unternehmen müssen sich stärker auf die Felder konzentrieren, in denen sie technologisch führend sein können. Gleichzeitig ist eine enge Verzahnung von Entwicklung, Produktion und Vertrieb notwendig, um Geschwindigkeit und Komplexität zu beherrschen. Ergänzend gewinnt eine intelligente globale Aufstellung an Bedeutung.

Industriepolitisch braucht Europa verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Hohe Energiepreise, regulatorische Anforderungen und globale Unterschiede in den Kostenstrukturen sind heute ein klarer Nachteil. Wenn die industrielle Basis erhalten bleiben soll, müssen Investitionen in Innovation und Produktion am Standort wieder attraktiver werden.

Die Chance liegt darin, die eigenen Stärken auszuspielen. Qualität, Engineering Kompetenz und Prozesssicherheit sind weiterhin klare Vorteile. Wenn es gelingt, diese mit Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und globaler Präsenz zu verbinden, kann Europa auch künftig eine führende Rolle einnehmen.
 

Château de Guermantes

Entscheidende Fragen persönlich Diskutieren: EUROGUSS Executive Circle am 1. – 2. Juli 2026

Der nächste EUROGUSS Executive Circle findet am 1. und 2. Juli 2026 im Château de Guermantes nahe Paris statt. Die Veranstaltung richtet sich exklusiv an C-Level-Entscheider der europäischen Druckguss-Wertschöpfungskette. Weitere Informationen zum Programm sowie zur Teilnahme finden Interessierte auf der Website des Executive Circle: https://www.euroguss.de/de-de/events-programm/executive-circle

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EUROGUSS 365
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