• 23.04.2026
  • Fachbericht

Warum Diversity im Druckguss zur Führungsaufgabe wird

Der deutlichste Hinweis darauf, dass sich etwas in der Druckgussindustrie verändert, kam möglicherweise nicht aus der Werkhalle, sondern aus einem Konferenzraum auf der EUROGUSS 2026. Die erste Session von Women in DieCasting zog rund 50 Teilnehmende an – deutlich mehr als erwartet. Etwa 20 Prozent davon waren Männer. Zufall sei das nicht. Im Podcast Goldcasting sprechen Tiziana Tronci und Isabel Jeschek darüber, warum Diversity und entschlossene Führungskultur für die Branche deutlich wichtiger werden könnten, als bisher angenommen.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Grafik zum Thema Diversity im Druckguss: Zwei Frauen im Gespräch vor Industrieanlage, Titel „Women in Die-Casting“

Isabel Jeschek, Bereichsleitung Marktstrategie & Kommunikation bei Handtmann, war von Beginn an an der Entwicklung des Formats beteiligt. Als Gast im Goldcasting Podcast erklärt sie, dass die Initiative nie als Minderheitenthema gedacht war. Ziel sei es, das Thema auf die Agenda aller Managerinnen und Manager sowie aller Führungskräfte zu setzen.

Tiziana Tronci, CEO und Head of New Products Development bei Gefond Srl, war eine der Speaker der ersten Women in DieCasting-Session auf der EUROGUSS 2026 in Nürnberg. Im Podcast erweitert sie den Begriff Diversity noch einmal deutlich: Diversity dürfe nicht allein als Synonym für Geschlechtergerechtigkeit verstanden werden. Es gehe auch um unterschiedliche Kompetenzen und Persönlichkeiten. Jeschek ergänzt, dass Diversity neben dem Geschlecht auch Altersunterschiede, Erfahrungsniveaus und verschiedene Hintergründe umfasst. Es geht also nicht nur um gerechtere Repräsentation, sondern um eine breitere Kompetenzbasis.

Isabel Jeschek, Handtmann: Mitverantwortlich für die Entwicklung des Formats „Women in DieCasting“.
Isabel Jeschek, Handtmann: Mitverantwortlich für die Entwicklung des Formats „Women in DieCasting“

Diversity als Führungsthema in der Gießerei der Zukunft

Diese breitere Kompetenzbasis wird benötigt, weil die Branche nicht mehr unter vertrauten Bedingungen arbeitet. Die Gießereiindustrie befindet sich in einer schwierigen Phase und durchläuft eine grundlegende Transformation. Jeschek verweist darauf, dass der europäische Automobilmarkt – der wichtigste Kundenmarkt der Branche – seit der COVID-Pandemie rückläufig ist und zumindest in Europa nicht auf das frühere Niveau zurückkehren wird. Unternehmen, die mit bisherigen Methoden erfolgreich waren, könnten nicht davon ausgehen, dass diese auch durch die aktuelle Transformation tragen. Gefragt seien neue Perspektiven, neue Ideen und frische Impulse – für Märkte, Geschäftsmodelle und Kunden.

Und keineswegs abstrakt. Jeschek verweist auf Daten von Handtmann, wonach die Auslastung von Druckgussmaschinen bei etwa 50 Prozent liegt. Einige Unternehmen profitieren noch von laufenden Projekten, doch diese haben ein absehbares Ende. Danach verschärft sich der Wettbewerb: mehr Unternehmen konkurrieren um ein kleineres Marktvolumen. In diesem Kontext ist Diversity kein moralisches Zusatzthema, sondern ein Werkzeug, um neue Geschäftsfelder zu erschließen, bevor bestehende wegfallen.

Wie Perspektivwechsel zu Transformation und Wachstum führen

Tronci kam nach 15 Jahren in Kommunikation, Mode, Schmuck und Textil in das Familienunternehmen. Zunächst schien dieser branchenfremde Hintergrund ein Nachteil in der traditionellen Industrie zu sein. Rückblickend bezeichnet sie ihn jedoch als „großen Vorteil“, da er ihr ermöglichte, neue Ideen und eine offene Denkweise einzubringen.
 

Tiziana Tronci, Gefond Srl, bei Women in DieCasting-Format auf der EUROGUSS 2026
Tiziana Tronci, Gefond Srl, bei Women in DieCasting-Format auf der EUROGUSS 2026

Sie beschreibt, wie Gefond – ursprünglich stark auf Gießereiausrüstung und technische Dienstleistungen ausgerichtet – sein Portfolio um Software für vorausschauende Wartung erweitert hat, um neue Märkte jenseits des klassischen Druckgusses zu erschließen. Sie ist überzeugt, dass dies kaum möglich gewesen, wenn das Unternehmen ausschließlich auf altbewährte aber bequeme Denkweisen gesetzt hätte.

Der entscheidende Punkt: Veränderung entsteht, wenn neue Perspektiven zugelassen und von der Führung aktiv unterstützt werden. Diversity ist nicht wertvoll, weil sie „in“ ist, sondern weil sie den Möglichkeitsraum eines Unternehmens erweitert.

Jeschek schildert eine ähnliche Erfahrung aus ihrer eigenen Perspektive: Als Quereinsteigerin mit Erfahrung in der Automobilindustrie und Elektromobilität konnte sie Fragen stellen, die langjährige Insider oft nicht mehr stellen. Warum machen wir es so? Gibt es alternative Wege? Solche Impulse hätten in ihrem Arbeitsumfeld häufig neue Diskussionen angestoßen und Weiterentwicklungen ermöglicht.

 

Schnelle oder gute Entscheidungen?

In Krisenzeiten verbessert Diversity die Qualität von Entscheidungen – auch wenn sie diese vielleicht auch etwas verlangsamt. Jeschek formuliert es deutlich: „Wenn ein Unternehmen schnell entscheiden will, kann es fünf gleichdenkende Personen in einen Raum setzen. Wenn es aber die besten Entscheidungen treffen will, braucht es möglichst viele unterschiedliche Perspektiven und Fähigkeiten am Tisch.“

Das bedeutet mehr Diskussion zwischen Produktion, Entwicklung und Vertrieb. Es bedeutet Reibung und Kompromisse. Doch die zentrale These ist klar: In Zeiten strukturellen Wandels entstehen bessere Entscheidungen nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch konstruktiven Widerspruch.

Hier wird Diversity zu einem klaren Führungsthema. Tronci betont, dass es nicht ausreicht, unterschiedliche Menschen an einen Tisch zu bringen. Führungskräfte müssten Verantwortung übertragen, zuhören und Freiräume schaffen, damit auch ungewöhnliche Ideen geäußert werden können. Gleichzeitig fehle vielen Führungskräften noch der Mut dazu – denn mutige Entscheidungen bedeuten Verantwortung, Risiko und die Möglichkeit, eventuell auch negativ bewertet zu werden.

Jeschek ergänzt dies um eine operative Perspektive: Führung bedeute heute nicht nur, in Maschinen zu investieren, sondern auch in Menschen, Know-how, Strategie und Zukunft. Veränderung müsse aktiv gestaltet werden, brauche Zeit – und müsse von oben kommen.

 

Fortsetzung der Diskussion im EUROGUSS Executive Circle

Die Initiative Women in DieCasting beginnt mit Sichtbarkeit, endet dort aber nicht. Sie führt zu einer grundsätzlichen Frage: Wie kann sich die Branche erneuern? Die Antwort liegt in gemischten Teams, breiteren Erfahrungen, besseren Diskussionen, mutiger Führung und stärkerem Austausch über Unternehmensgrenzen hinweg.

Thumbnail für Impressionsvideo des Executive Circle

Der nächste EUROGUSS Executive Circle findet am 1. – 2. Juli 2026 in Paris statt.

Wenn die Druckgussindustrie die Transformation ernst nimmt, kann Diversity nicht bei HR-Initiativen oder Einzelveranstaltungen stehen bleiben. Sie muss Teil der Führungspraxis werden. In diesem Kontext versteht sich der EUROGUSS Executive Circle als ein Ort, an dem genau diese Praxis bereits entwickelt wird.

Der EUROGUSS Executive Circle ist mehr als ein Netzwerkformat. Tronci beschreibt ihn als strategisches Instrument, das ein Netzwerk schafft, das anders denkt und handelt – geprägt von Menschen aus unterschiedlichen Unternehmen, Größen und Funktionen. Für Jeschek bot er die Möglichkeit, die Branche ganzheitlicher zu verstehen – nicht nur aus Sicht des eigenen Unternehmens, sondern auch aus der Perspektive von Partnern entlang der Wertschöpfungskette. Ebenso wichtig: Der Kreis zeigte eine klare Bereitschaft, Transformation aktiv zu gestalten, statt im Status quo zu verharren.
 

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EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
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