• 05.02.2026
  • Fachbericht

Neustart unter Druck: Viele Zulieferer suchen Alternativen zum Automobilmarkt

Fast 80 Prozent der deutschen Automobilzulieferer, die sich vom Strukturwandel in ihrer Industrie betroffen sehen, suchen inzwischen aktiv Geschäftschancen außerhalb ihrer angestammten Branche. Die neue Allensbach-Studie im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch zeigt: Der Strukturwandel ist weiter fortgeschritten, als viele vermuten – und er zwingt die Unternehmen zu strategischen Entscheidungen.

Geschrieben von Editors EUROGUSS 365

Additiv gefertigte Verteiler- bzw. Strömungskomponenten aus Metall.
Zugang zu neuen Industrien jenseits des Automobilbaus lässt sich in der Medizintechnik, der Energiebranche oder in der Luftfahrt finden.

Die Automobilzulieferindustrie in Deutschland, und damit auch die Druckgussbranche, steht vor einem fundamentalen Wandel. Die Studie „German Economic Pulse 2025 – State of German Industry“ zeigt deutlich, wie stark die Branche unter Druck geraten ist. Insgesamt wurden 169 Industrieunternehmen befragt, darunter 47 Zulieferer der Automobilindustrie. Für sie hat der Strukturwandel längst konkrete Folgen: Absatzrückgänge, veränderte Kundenstrukturen und die Notwendigkeit, neue Märkte zu erschließen.

 

Rückgang des Verbrennungsgeschäfts und unmittelbare Folgen

Die Studie basiert auf telefonischen Befragungen, die im Spätsommer 2025 durchgeführt wurden. FTI-Andersch lässt diese Befragungen erheben, um Stimmungsbild und Prioritäten der Industrie nachvollziehbar zu machen. Für die Automobilzulieferer liegt mit der aktuellen Erhebung nun ein klarer Befund vor: Der Strukturwandel trifft die Branche breit, tief und gleichzeitig.

Ein zentraler Treiber der aktuellen Unsicherheit ist der weltweite Rückgang des Marktes für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. 64 Prozent der befragten Zulieferer geben an, direkt betroffen zu sein. Viele Unternehmen haben bereits Maßnahmen eingeleitet. Mehr als die Hälfte – 54 Prozent – haben Produktionsverlagerungen vorgenommen oder planen diese, 52 Prozent investieren aktiv in Zukunftstechnologien. Die Studie verdeutlicht, dass dieser Wandel nicht als temporäre Phase verstanden wird, sondern als strukturelle Veränderung, die langfristige Anpassungen erfordert.

 

Diversifikation als Überlebensstrategie

Besonders aufschlussreich ist die Antwort auf die Frage nach strategischen Alternativen: 79 Prozent der Zulieferer, die sich vom Wandel unmittelbar getroffen fühlen, richten ihr Geschäft mittlerweile auch auf andere Industrien aus. Genannt werden vor allem Rüstung (25 Prozent), Energie (16 Prozent), Luftfahrt, Medizintechnik und Bahn (je 9 Prozent).
 

„Wir erleben einen tiefgreifenden Strukturbruch“, ordnet Ralf Winzer, Vorstand und Partner bei FTI-Andersch, die Ergebnisse ein. Winzer verantwortet den Bereich Restrukturierung, Business Transformation und Transaktionen und begleitet seit Jahren Transformationsprozesse im industriellen Mittelstand. „Viele Autozulieferer wenden sich neuen Industrien zu, weil sie in der eigenen Branche keine ausreichende Perspektive mehr sehen.“

Nach Einschätzung von Winzer handelt es sich nicht um eine Entwicklung aus Opportunität: „In diesen Feldern können Zulieferer ihre bestehenden Stärken nutzen: Präzision, Qualitätssicherung und regulatorische Erfahrung. Aber es ist kein leichter Weg: Neue Zulassungsverfahren, andere Produktzyklen und ungewohnte Kundenerwartungen stellen viele Unternehmen vor operative und kulturelle Hürden. Wer diesen Schritt dennoch wagt, tut das meist aus Notwendigkeit, nicht aus Komfort.“

Ralf Winzer, Vorstand und Partner bei FTI-Andersch
Ralf Winzer, Vorstand und Partner bei FTI-Andersch

Wettbewerb aus China – Passivität keine Option

Parallel zum Strukturwandel wächst der Wettbewerbsdruck durch chinesische OEMs. Die Studie zeigt ein deutliches Bild: 83 Prozent der Automobilzulieferer halten eine Zusammenarbeit mit chinesischen Herstellern zumindest für schwierig, 47 Prozent sogar für „sehr schwierig“. Nur ein Viertel der Zulieferer baut aktiv Vertriebsstrukturen Richtung China auf; noch weniger passen Produkte gezielt für chinesische OEMs an.

Winzer betont die strategische Relevanz dieser Entwicklung: „Viele Zulieferer sehen den Markteintritt chinesischer OEMs bislang vor allem als Bedrohung, nicht als Chance. Und das ist nachvollziehbar: Die neuen Wettbewerber bringen eingespielte Liefernetzwerke und erhebliche Kostenvorteile mit.“ Er warnt zugleich vor Passivität: „Chinesische OEMs werden den Weltmarkt – insbesondere im Bereich der Elektromobilität – entscheidend mitprägen. Wer heute nicht versucht, Anschluss an diesen Markt zu finden, wird ihn in wenigen Jahren vollständig abgehängt sein.“

 

Zögerlicher Einsatz von KI

Ein weiterer Schwerpunkt sind technologische Anpassungen. Zwar nutzen 89 Prozent der Zulieferer KI-Anwendungen, doch überwiegend im Bereich generativer Tools wie Text-, Bild- oder Präsentationserstellung. Beim konkreten produktionsnahen Einsatz zeigt sich Zurückhaltung: nur 51 Prozent setzen Künstliche Intelligenz in der Qualitätssicherung ein, lediglich 32 Prozent in der vorausschauenden Wartung (Predictive Maintenance).

Diese Zahlen verdeutlichen eine Diskrepanz: Während generative KI bereits als Erleichterung im administrativen Alltag angekommen ist, bleibt der Einsatz in wertschöpfenden Prozessen hinter den Möglichkeiten zurück. Für eine Branche, die Effizienz, Präzision und Prozesssicherheit im Kern ihrer Tätigkeit vereint, ist das bemerkenswert.

 

Finanzielle und strukturelle Belastungen

Neben Markt- und Technologiefragen lasten auch finanzielle Hürden auf den Unternehmen. 28 Prozent berichten von einem erschwerten Zugang zu Krediten – der höchste Wert im Vergleich zu den anderen befragten Industriezweigen. Parallel nimmt die Tendenz zum Insourcing durch OEMs zu: 17 Prozent der Zulieferer sind bereits betroffen, weitere 38 Prozent erwarten diese Entwicklung künftig. Für viele Unternehmen bedeutet dies eine doppelte Belastung – struktureller Wandel im Markt und gleichzeitig die Gefahr, bei bestehenden Kunden Aufträge zu verlieren.

Für Druckgießereien und ihre Zulieferer, deren Geschäftsmodelle traditionell eng mit dem automobilen Strukturbaum verbunden sind, hat die Studie zwei unmittelbare Implikationen: Erstens bestätigt sie den anhaltenden Rückgang im klassischen Verbrennermarkt. Zweitens zeigt sie, dass viele der Industrien, in die Zulieferer expandieren, ebenfalls gussintensive Strukturbauteile benötigen. Ob in der Medizintechnik, der Energiebranche, der Luftfahrt oder im Schienenverkehr – neue Anwendungsfelder entstehen, die sich deutlich von automobilen Zyklen und Anforderungen unterscheiden. Für die Branche eröffnet dies neue Möglichkeiten, wenn die speziellen Anforderungen richtig verstanden werden.

Internationale Consulting-Gruppe

FTI-Andersch ist eine auf Restrukturierung, Transformation und Transaktionen spezialisierte Unternehmensberatung und Teil der internationalen FTI-Consulting-Gruppe. Das Unternehmen begleitet mittelständische Industriebetriebe sowie Konzerne in Sondersituationen und erstellt Branchenstudien, die Stimmungsbild und strategische Prioritäten der deutschen Industrie abbilden.
 

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EUROGUSS 365
Editors EUROGUSS 365
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