Die Elektrifizierung gilt als technisch realisierbarer Königsweg – aber auch als teuerster. Welche Unterstützung müsste der Mittelstand bekommen, damit Investitionen nicht ausgebremst werden?
Elke Radtke: Aufgrund der hohen Stromkosten rechnen sich Maßnahmen zum Wechsel von fossilen Energieträgern auf Strom aktuell nicht. Zum Beispiel sind die koksbefeuerten, kontinuierlich arbeitenden Heißwindkupolöfen der großen Seriengießereien extrem effizient und wirtschaftlich. Ein solcher Kupolofen müsste durch mehrere mit Strom betriebene Induktionstiegelöfen ersetzt werden, um die gleiche Schmelzkapazität zu realisieren. Durch die Kosten für Neuinstallation sowie für elektrische Energie würden die Gussprodukte in der Herstellung wesentlich teurer – die Mehrkosten können aber nicht an den Kunden weitergereicht werden. Deshalb wäre es sinnvoll, für Anlagen der Prozesswärmeerzeugung eine Förderung aufzulegen, welche Investitionskosten (CAPEX) und Betriebsausgaben (OPEX) umfasst. Diese – gegebenenfalls temporären – Transformationszuschüsse könnten tatsächlich Drive in Planung und Umsetzung bringen.
Die Politik setzt verstärkt auf Wasserstoff. Das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz bringt Erleichterungen. Ist das für Gießereien eine gute Perspektive?
Christian Schimansky: Langfristig kann Wasserstoff als Substitut für Erdgas tatsächlich genau das sein: eine gute Perspektive. Bis dahin liegt jedoch noch viel Forschung und der Ausbau der Infrastruktur vor uns. Der Forschungsbedarf resultiert aus der Tatsache, dass zum Beispiel noch nicht hinreichend geklärt ist, wie sich Wasserstoff auf die metallischen Werkstoffe und die Feuerfestmaterialien in den Schmelzanlagen auswirkt. Zudem befinden sich die Standorte von Gießereien weit entfernt vom geplanten Wasserstoffkernnetz. Aus diesem Grund könnten mittel- und langfristig dezentrale Elektrolyseure eine interessante Option sein, die Wasserstoff aus überschüssiger erneuerbarer Energie erzeugen und zugleich eine Speicherfunktion erfüllen. Der im Ausland erzeugte und zu hohen Kosten importierte Wasserstoff wird vernünftigerweise primär der Grundstoffindustrie zur Verfügung stehen.





