Internationale Fachmesse für Druckguss: Technik, Prozesse, Produkte

16. - 18. Januar 2024 // Nürnberg, Germany

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Nachwuchs in der Gießerei-Industrie: Wer ersetzt die Baby-Boomer?

EUROGUSS Talent Award
Nachwuchsgewinnung ist auch auf der EUROGUSS großes Thema // © NürnbergMesse

Mit dem Renteneintritt der Baby-Boomer wird sich der Fachkräftemangel in Deutschland in den nächsten fünf Jahren verschärfen. Es gilt, die nachrückenden Generationen Y und Z für sich zu gewinnen. Doch wie kann sich die Gießerei-Industrie beim Werben um Nachwuchs gegenüber anderen Wirtschaftszweigen durchsetzen?

Wenn ab etwa 2025 die Babyboomer-Jahrgänge in Rente gehen, befürchtet die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen flächendeckenden Fachkräftemangel. „Ohne Gegensteuern kann sich der Fachkräftemangel von einer gravierenden Herausforderung zu einem regelrechten Wachstumshemmnis auswachsen“, sagt Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW. Die Genesung der Wirtschaft nach der Corona-Krise, die Bewältigung des digitalen Strukturwandels und der beschleunigte Umbau zur Klimaneutralität seien nur einige der bevorstehenden Herausforderungen, die ohne fachkompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht bewältigt werden können. Dr. Köhler-Geib warnt: „Der Sicherung des Fachkräftepotenzials muss daher oberste Priorität eingeräumt werden.“

Längst beklagt rund ein Drittel der 600 Betriebe des Bundesverbands der Deutschen Gießerei-Industrie einen Arbeitskräftemangel. Der Branche mit rund 70.000 Beschäftigten fällt es besonders schwer, sich beim Werben um Nachwuchs gegenüber anderen Wirtschaftszweigen durchzusetzen.

Dabei werden in der Branche überdurchschnittlich hohe Löhne gezahlt, und das bereits seit vielen Jahren. Berufe im Metall- und Elektrobereich können für junge Fachkräfte besonders lukrativ sein, ergab eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW). Entscheidend für die Berufswahl der jungen Generation sei aber neben den Verdienstmöglichkeiten viel mehr der soziale Status des Berufs und – hier liegt der oft erwähnte Schmerzpunkt der Gießerei-Industrie – der Bekanntheitsgrad und die Sichtbarkeit des Berufs. Betrachtet man dagegen die Tätigkeit des Film- und Videoeditors, stellt man einen seit Jahren nicht endenden Zulauf fest. Und das trotz des vergleichsweise niedrigen Verdiensts. Grund ist der exponentielle Anstieg von digitalen Inhalten, die für die Generationen Y und Z omnipräsent sind. Das IW mahnt deswegen, Berufe, bei denen es Engpässe und gute Verdienst- und Karrieremöglichkeiten gibt, in der Berufsorientierung stärker bekannt zu machen. Wie kann das die Gießerei-Industrie schaffen?

Dem Druckguss gebührend Aufmerksamkeit schenken

„Ich bewundere Firmen wie Intel, die es mit ihrer Kampagne ‚Intel Inside‘ geschafft haben, publik zu machen, was man überhaupt nicht sieht”, sagt Prof. Martin Fehlbier. Das gleiche Problem habe der Guss mit seinen häufig hinter Plastik versteckten Teilen, zum Beispiel auch bei Motorkomponenten in Autos. Prof. Fehlbier leitet das Fachgebiet Gießereitechnik am Institut für Produktionstechnik und Logistik im Fachbereich Maschinenbau der Universität Kassel. Jedes Jahr beginnen hier 178 Studierende ihren Bachelor. „Die Menschen stehen morgens auf, drehen die Heizung an, duschen und fahren in irgendeiner Form – sei es Straßenbahn, Auto oder Fahrrad – zu ihrer Arbeitsstätte und nehmen gar nicht wahr, welche Gussteile sie genutzt haben. Diese Aufmerksamkeit fehlt der Branche.”

Einer, den Prof. Fehlbier überzeugen konnte, ist Marvin Emde. An der Universität Kassel entwickelte er eine Sitzarmlehne, an der er das Potenzial für Druckgussbauteile durch Wandstärkenoptimierung untersuchte. Seine Arbeit, für die er im letzten Jahr mit dem EUROGUSS Talent Award ausgezeichnet wurde, zeigt: Dünnwandiger Druckguss kann in Sachen Leichtbau mit Hochleistungskunststoffen mithalten, diese dabei hinsichtlich der Belastbarkeit sogar übertreffen. Trotzdem gibt Emde zu, erst durch seine Arbeit auf Gießereitechnik aufmerksam geworden zu sein. „Dass Guss im ersten Moment nicht interessant klingt, liegt sicher auch daran, wie sich die Branche selbst darstellt: qualmende Hallen, große Tiegel mit durch die Luft spritzendem flüssigem Metall”, sagt Emde und ergänzt: „Aber die dahinter steckende Technologie, sei es Werkstofftechnik oder Prozesstechnik, erkennt man nicht auf den ersten Blick.”

Wer macht es denn besser? Tesla. „Alle sprechen über weniger Gussteile, die der Wandel zur E-Mobilität mit sich bringt, und dann kommt Elon Musk und setzt einen gesamten Heckrahmen aus einem Teil um”, so Emde. Das mache Eindruck. Marius Kohlhepp, ebenfalls Gewinner des EUROGUSS Talent Awards für seine Arbeit „Einfluss der Legierungszusammensetzung auf das Formklebeverhalten einer AlSi7Mg-Druckgusslegierung“ in Kooperation mit der Audi AG am Karlsruher Institut für Technologie, findet deutliche Worte: „Elon Musk hilft der Druckgussbranche im Automobilbereich, cooler und erstrebenswerter zu werden.” Gleichzeitig habe er mit seinem Vorgehen die gesamte Branche unter Konkurrenzdruck gesetzt und gezwungen, wieder in den Aluminiumdruckguss zu investieren.

Entwicklungshilfe für die deutsche Automobilindustrie

Dass der Elektropionier seine erste europäische Giga Factory in Berlin-Brandenburg angesiedelt hat, werten Die Grünen als „Glücksfall für den Automobilstandort Deutschland“. Tesla setze die deutschen Hersteller maximal unter Druck, sagt auch Bundestagsfraktionsvize Oliver Krischer gegenüber dem Handelsblatt. „Wenn insbesondere BMW und Mercedes nicht stärker reagieren, werden voraussichtlich die besten Fachkräfte aus München und Stuttgart zu dem neuen Konkurrenten wechseln.“ Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Instituts, spricht sogar von „Entwicklungshilfe” für die deutschen Autobauer und ihre Zulieferer.

Bisher sucht aber auch Tesla nach Fachkräften, besonders in der Führungsriege. Offene Stellen sind schon lange online ausgeschrieben, scheinen aber nicht gefüllt werden zu können. Wie wirkt man also dem Fachkräftemangel entgegen und begeistert gleichzeitig die junge Generation, die Karriere im eigenen Unternehmen zu beginnen?

Millennials suchen Sinn und fordern Nachhaltigkeit

„Gerade Leichtbau ist für den Nachwuchs interessant. Diese Generation sucht Sinn in ihrer Arbeit und will sich mit ihrem Beruf identifizieren. Heute wird Innovationsstärke und Nachhaltigkeit gefordert”, sagt Gérôme Fuchs von GF Casting Solutions. „Auf der Suche nach Nachwuchskräften hilft uns unser aktiver Beitrag zu einer nachhaltigeren Mobilität.”

In der Gussindustrie können noch entscheidende Neuerungen entstehen, die in der Wirtschaft tatsächlich genutzt werden, so Kohlhepp. „Für mich war das immer ein großer Pluspunkt. Wenn ich im Aluminiumdruckguss etwas Bahnbrechendes entwickele, dann wird es Anwendung in der Wirtschaft finden. Bei anderen populären Themen geht es nach wie vor um die Grundlagenforschung, da ist das nicht so. In der Gießerei-Industrie kann man noch was verändern, und hier liegt für junge Menschen die große Motivation.” Emde ergänzt: „Wenn wir jetzt entscheidend vorangehen und es schaffen, mit modernen Technologien und Methoden einen Prozess umweltschonend zu machen, z.B. mit weniger Stromverbrauch, dann können wir den in die Welt exportieren.” Beide sind sich einig: Die Herausforderungen der Industrie sehen sie vor allem als Chance für ihre Generation.

Um die Älteren wie um die Jüngeren werben

Und wenn der Nachwuchs, auch wenn er mit dem Imagewandel der Gießerei-Industrie in Scharen kommt, den Fachkräftemangel nicht beheben kann? SPD, FDP und Die Grünen schließen für eine Ampel-Regierung eine weitere Erhöhung des Rentenalters aus. Eine Befragung des Demographie Netzwerks ergab aber, dass mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer länger arbeiten wollen, wenn die körperliche Belastung und der Stress reduziert würden. Weitere Motivationsfaktoren seien flexiblere Arbeitszeiten, mehr Gehalt und Wertschätzung durch Vorgesetzte. „Die Wucht dieses gesellschaftlichen Umbruchs wird Unternehmen in den nächsten fünf Jahren voll treffen", meint Frank Böhringer des Demographie Netzwerks gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Für die Gießereibranche gelte es also auch, das Potenzial derer zu nutzen, die länger arbeiten können und wollen. Die Industrie sollte genauso aktiv um Ältere werben, wie sie dies um junge Talente tut.

Auch die KfW erkennt in der Anhebung der Regelaltersgrenze für gesetzliche Renten nach dem Jahr 2030 einen erheblichen Beitrag zur Sicherung des Fachkräfteangebotes. Gleichzeitig soll qualifizierte Zuwanderung erleichtert und lebenslange Weiterbildung für Mitarbeiter ermöglicht werden. Wichtig seien insbesondere Kenntnisse, die helfen, die Energie- und Verkehrswende voranzubringen. Auch produktionssteigernde digitale Technologien, wie künstliche Intelligenz, Robotik oder Internet der Dinge, seien unabdingbar. Dazu müsse aber die digitale Infrastruktur zügig ausgebaut werden. Gelingt es, die Arbeitsproduktivität zu steigern, verringere dies auch den Fachkräftemangel.

Talent Award: EUROGUSS stellt Nachwuchs ebenfalls in den Vordergrund

Seit 2020 prämiert der EUROGUSS Talent Award herausragende Abschlussarbeiten und damit die Nachwuchskräfte von morgen. Themen können dabei Innovationen, Verbesserungen oder neue Anwendungen im Druckguss und der gesamten Wertschöpfungskette sein. Patrick Reichen, Team Leader Carat bei der Bühler AG, erklärt, warum für ihn der EUROGUSS Talent Award so wichtig ist: „Die Ausbildung junger Talente steht bei Bühler im Fokus, so ist die Berufslehre seit über 100 Jahren ein fester Bestandteil des Druckguss-Unternehmens. Das Gleiche liegt uns natürlich auch für die Gießereibranche am Herzen, weshalb wir sehr gerne die Verbindung zwischen Lehre und Industrie fördern.“ Gérôme Fuchs, Specialist Talent Development & Employer Branding, GF Casting Solutions, pflichtet ihm bei: „Bei GF Casting Solutions setzen wir auf Innovation und Nachhaltigkeit in unseren Prozessen, Produkten und Lieferketten. Aus diesem Grund sind wir stolz darauf, den diesjährigen Talent Award unterstützen zu dürfen. Wir möchten so Young Talents eine Plattform bieten, um ihr volles Potenzial ausschöpfen und sich vernetzen zu können.“ Die offizielle Bekanntgabe der Gewinner des Talent Awards 2021 erfolgt auf der EUROGUSS 2022.

Bildunterschrift:

1: Marvin Emde der Universität Kassel entwickelte mit „Potenziale für Druckgussbauteile durch Wandstärkenoptimierung” eine Sitzarmlehne als Druckgussbauteil und wurde dafür im letzten Jahr mit dem EUROGUSS Talent Award ausgezeichnet. Quelle: Privat

2: Marius Kohlhepp des Karlsruher Institut für Technologie gewann ebenfalls den EUROGUSS Talent Award. Er zeigte in Kooperation mit der Audi AG den „Einfluss der Legierungszusammensetzung auf das Formklebeverhalten einer AlSi7Mg-Druckgusslegierung“ auf.

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